KW 28/2018

Zitat der Woche

We both wondered whether these contradictions that one can't avoid if one begins to think of time and space may not really be proofs that the whole life is a dream, and the moon and the stars bits of nightmare.

- Arthur Machen

Text der Woche

Gedicht der Woche

H. P. Lovecraft

The Messenger

 

The thing, he said, would come in the night at three

From the old churchyard on the hill below;

But crouching by an oak fire's wholesome glow,

I tried to tell myself it could not be.

 

Surely, I mused, it was pleasantry

Devised by one who did not truly know

The Elder Sign, bequeathed from long ago,

That sets the fumbling forms of darkness free.

 

He had not meant it - no - but still I lit

Another lamp as starry Leo climbed

Out of the Seekonk, and a steeple chimed

Three - and the firelight faded, bit by bit.

 

Then at the door that cautious rattling came -

And the mad truth devoured ma like a flame!


KW 25/2018

Zitat der Woche

Words have no power to impress the mind

without the exquisite horror of their reality.

- Edgar Allan Poe

Text der Woche

Gedicht der Woche

H. P. Lovecraft

"The Cats"

 

Babels of blocks to the high heavens tow'ring,

Flames of futility swirling below;

Poisonous fungi in brick and stone flow'ring,

Lanterns that shudder and death-lights that glow.

 

Black monstrous bridges across oily rivers,

Cobwebs of cable by nameless things spun;

Catacomb deeps whose dank chaos delivers

Streams of live foetor, that rots in the sun.

 

Colour and splendour, disease and decaying,

Shrieking and ringing and scrambling insane,

Rabbles exotic to stranger-gods praying,

Jumbles of odour that stifle the brain.

 

Legions of cats from the alleys nocturnal,

Howling and lean in the glare of the moon,

Screaming the future with mouthings infernal,

Yelling the burden of Pluto's red rune.

 

Tall tow'rs and pyramids ivy'd and crumbling,

Bats that swoop low in the weed-cumber'd streets;

Bleak broken bridges o'ver rivers whose rumbling

Joins with no voice as the thick tide retreats.

 

Belfries that blackly against the moon totter,

Caverns whose mouths are by mosses effac'd,

And living to answer the wind and the water,

Only the lean cats that howl in the waste!


KW 23/2018

Zitat der Woche

Strange is the night where black stars rise,

And strange moons circle through the skies,

But stranger still is

Lost Carcosa.

- Robert W. Chambers

Text der Woche

Das Auge des Yog-Sothoth (Auszug)

 

Meine Involvierung in die Geschichte um das Auge des Yog-Sothoth begann erst vor wenigen Tagen, als ich früh am Morgen durch ein lautes Klingeln geweckt wurde. Noch etwas vom Gelage des Vortags verkatert, wankte ich zur Tür und verfluchte innerlich den ungebetenen Gast, der mich zu einer derart unchristlichen Zeit mit seiner Anwesenheit beehrte. Ich öffnete und ein Mann mittleren Alters mit ersten Grausträhnen in Haar und Bart stand vor mir. Ich konnte seinen Blick nicht ganz deuten; er hatte etwas Fragendes und Suchendes, aber auch Mitleid lag darin. Dann erst fiel mir auf, dass er eine Poliziuniform trug.
»Mein Name ist Kommissar Kießling. Sind Sie der Herr Philips, Leonard Philips?«
Auf die Frage des Polizisten nickte ich nur und bat ihn herein. »Was kann ich denn für Sie tun, Herr Kommissar?«
»Kennen Sie einen gewissen Herrn Roland Schwartz? Man hat mir gesagt, dass Sie sehr enge und alte Schulfreunde seien…«
Angesichts dieser unerwarteten Frage wurde mir ganz mulmig zu Mute. Hatte Roland etwas ausgefressen? Das sah ihm, dem sonst so korrekten Menschen eigentlich gar nicht ähnlich, doch er hatte manchmal auch etwas Wildes und Rebellisches an sich. Es war also nicht völlig undenkbar, dass er mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Dennoch konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was die Polizei von ihm wollte.
»Äh, ja… Das ist schon richtig. Er ist mein ältester Freund. Allerdings studiert er seit fast einem Jahr in Eichstätt und ich bekomme ihn kaum noch zu Gesicht. Ist wirklich schon ne ganze Weile her, dass er hier war. Er steckt doch hoffentlich nicht in Schwierigkeiten?«
»Schwer zu sagen. Wir hatten uns eigentlich erhofft, dass Sie uns sagen könnten, wo er sich aufhält…«
»In seiner Studentenbude war er wohl nicht?«
»Die Vermieterin, die die Wohnnung daneben bewohnt, sagt aus, dass sie ihn seit fast einer Woche nicht mehr kommen und gehen gehört hat. Auch seine Professoren und Kommilitonen haben ihn länger nicht gesehen. Die Familie ist ebenso ratlos und hat ihn nun als vermisst gemeldet. Wie es scheint, ist Ihr Freund verschwunden und niemand will ihn gesehen haben…«

Ich spürte, wie der prüfende Blick des Komissars bei seinen letzten Worten auf mir ruhte. Es war, als wollte er mit seinen Augen durch mich hindurchblicken, bis auf den Grund meiner Seele schauen, um herauszufinden, ob ich die Wahrheit sagte und ihm nichts vorenthielt.

Ich war noch ziemlich verdutzt, wurde aber schlagartig nüchtern, als mir klar wurde, dass Roland wohl wirklich in echten Schwierigkeiten stecken konnte, wenn er nicht einmal mir Bescheid gegeben hatte, wohin er verschwunden war.
»Haben Sie schon einmal bei seiner Freundin nachgefragt?«, kam mir dann noch eine Idee. Waren die beiden etwa irgendwohin durchgebrannt, hatten alles stehen und liegengelassen?
»Freundin?«, fragte der Kommissar verwundert. Scheinbar wusste er davon nichts.
»Ja, er hat einige Male eine gewisse Iulia erwähnt. Die beiden sind schon seit Oktober ein Paar.«
»Haben Sie vielleicht den vollen Namen und die Adresse dieser Dame? Oder ein Foto?«
»Leider nicht. Ich selbst habe es bislang nie nach Eichstätt geschafft und die wenigen Male, als Roland mich besucht hat, war sie nicht dabei. Er wollte dann immer Männerabende machen, ›so wie früher‹.«
Ich konnte sehen, wie der Polizist sich einen wütenden Fluch verkniff. Mir war klar, dass ich ihm nicht weitergeholfen hatte, mit meinen spärlichen Aussagen und vermutlich waren sie schon allen anderen potenziellen Spuren nachgegangen und waren erst dann zu mir gekommen. Die Ermittlungen steckten in einer Sackgasse, folgerte ich daraus.
»Sie haben also wirklich keine Ahnung, wo Ihr Freund sich gerade aufhalten könnte?«, versuchte es Kießling noch einmal. »Möglicherweise denken Sie ja, dass Sie ihn decken oder schützen müssen, aber da irren Sie sich. Er hat keine Schwierigkeiten, jedenfalls nicht mit dem Gesetz. Ich möchte nur einer verzweifelten Mutter ihren Sohn zurückbringen, das verstehen Sie doch? Wenn Ihr Freund wirklich verschwunden ist, ohne Ihnen etwas zu sagen, ist er möglicherweise in Gefahr oder ihm ist etwas zugestoßen. Denken Sie bitte nochmal nach, selbst der kleinste Hinweis auf seinen Verbleib könnte hilfreich zur Aufklärung des Falles sein…«
Ich zermarterte mir das Hirn. Meine Gedanken begannen wild zu kreisen und der Kater vom Vortag machte es mir nicht gerade leichter, inmitten dieser Verwirrung, die urplötzlich über mich hereingefallen war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Mir wurde schwindlig und ich musste mich in der Küche auf einen Stuhl setzen. Ich entschuldigte mich beim Kommissar, der mir auf meine Bitte hin ein Glas Wasser reichte, das ich austrank. Er gab mir noch seine Visitenkarte und bat mich, ihn anzurufen, falls mir noch etwas einfallen sollte, bevor er meine Wohnung verließ.

Große Sorge machte sich nun in mir breit und ich beschloss, so schnell wie möglich in die bayrische Kleinstadt zu fahren, um selbst Nachforschungen anzustellen.

Gedicht der Woche

In the midnight heavens burning

Thro' ethereal deeps afar,

Once I watch'd with restless yearning

An alluring, aureate star;

Ev'ry eye aloft returning,

Gleaming nigh the Arctic car.

 

Mystic waves of beauty blended

With the gorgeous golden rays;

Phantasies of bliss descended

In a myrrh'd Elysian haze;

And in lyre-born chords extended

Harmonies of Lydian lays.

 

There (thought I) lies scenes of pleasure,

Where the free and blessed dwell,

And each moment bears a treasure

Freighted with a lotus-spell,

And there floats a liquid measure

From the lute of Israfel.

 

There (I told myself) were shining

Worlds of happiness unknown,

Peace and innocence entwining

By the Crowned Virtue's throne;

Men of light, their thoughts refining

Purer, fairer, than our own.

 

Thus I mus'd, when o'er the vision

Crept a red delirious change;

Hope dissolving to derision,

Beauty to distortion strange;

Hymnic chords in weird collision,

Spectral sights in endless range.

 

Crimson burn'd the star of sadness

As behind the beams I peer'd;

All was woe that seem'd but gladness

Ere my gaze with truth was sear'd;

Cacodaemons, mir'd with madness,

Thro' the fever'd flick'ring leer'd.

 

Now I know the fiendish fable

That the golden glitter bore;

Now I shun the spangled sable

That I watch'd and lov'd before;

But the horror, set and stable,

Haunts my soul for evermore.


KW 19/2018

Zitat der Woche

The world is indeed comic, but the joke is on mankind.

- H. P. Lovecraft

Text der Woche

Auszug aus "Die Rückkehr des Schwarzen Pharaos"

(Dr. Millers Gespräch mit Professor Armitage)

 

Nach den Gerüchten, die man sich über Professor Armitage erzählte, hatte ich mir einen alten, klapprigen Tattergreis vorgestellt, einen gebrochenen Mann. Umso überraschter war ich, als ich zwar einen stark ergrauten, älteren Herren traf, in dessen funkelnden Augen ich aber eine deutliche Klarheit, ja fast schon das flammende Glühen jugendlichen Feuers erkannte. Dieser Mann mochte körperlich von der Last des Alters gezeichnet und auch schon etwas gebeugt sein, doch war er definitiv klaren Geistes. In unserer Konversation offenbarte sich rasch ein noch gut funktionierender, analytischer und messerscharfer Verstand. Die Dinge, die er mir erzählte, waren wunderlich, entsetzlich, Wahnsinn erregend – und doch… die Art, wie er sie vortrug, ließ mich ihm glauben, ließ all diese Dinge, auf die auch Mr. Raven angespielt hatte, auf einmal möglich erscheinen. Hier also unser Gespräch:

 

»Stimmt es, was ich über das Grauen von Dunwich gehört habe?«

»Was haben Sie denn gehört?«, fragte der Professor leicht amüsiert.

»Nun ja … Gerüchte über seltsame Vorkommnisse. Unheilige Rituale der Indianer. Ein eigenartiges, heruntergekommenes Dorf mit einer von Inzest und Degeneration gezeichneten Bevölkerung von schwachsinnigen Hinterwäldlern. Derartigen Unsinn eben. Das ist vermutlich alles nur eitles Geschwätz?«

Armitage lächelte noch immer. Er tat mir den Gefallen nicht, meine Suggestivfrage zu beantworten, sondern ließ sie vielsagend unkommentiert. Stattdessen entgegnete er: »Sind Sie hier, um mit mir über Dunwich zu reden? Denn es gibt nichts, was ich Ihnen dazu sagen könnte. Ihr Brief klang, als hätten Sie eigentlich ein ganz anderes Anliegen…«

»Ja, verzeihen Sie mir meine Neugier. Also dann zur Sache! Es geht um den Fall eines meiner Patienten. Mr. Raven berichtet von Dingen, die stark denen ähneln, die man sich über Dunwich erzählt.«

»Und nun suchen Sie nach Beweisen?«

»Ja, so ist es.«

»Was für Beweise? Dafür, dass es stimmt, was er erzählt, oder dafür, dass das alles nur Unsinn ist?«

Wieder lächelte Armitage dabei so seltsam. Ich war überrumpelt. Die Frage hatte mich aus dem Konzept gebracht. Und doch war sie berechtigt. Was wollte ich eigentlich?

»Die Wahrheit, Professor«, sagte ich schließlich. Armitages Blick war nun fast mitleidig.

»Und dann was? Sind Sie sicher, dass Sie diese ertragen könnten? Oder suchen Sie eigentlich nicht doch nach einer den Verstand rettenden Bestätigung Ihres wissenschaftlich-rationalen Weltbilds?«

Ich spürte, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, und blankes Entsetzen drohte, sich meiner zu bemächtigen.

»Ich muss herausfinden, was passiert ist«, entrang ich mir die Worte. »Koste es, was es wolle. Das schulde ich meinem Patienten.«

»Nun gut«, sagte der alte Bibliothekar und lächelte mich dabei noch immer väterlich an. »Wie genau kann ich Ihnen dabei weiterhelfen? Was wollen Sie wissen?«

Ich zögerte eine Weile, um zu überlegen, welche Fragen ich ihm stellen sollte. Dann entschloss ich mich dazu, ohne weitere Umschweife direkt zum Kernthema zu kommen: »Gibt es den Mythos und wenn ja, was versteht man darunter?«

Armitage musterte mich eindringlich. Er schien lange darüber nachzudenken, bevor er zu einer Antwort ansetzte: »Ja, ich fürchte, es gibt die Welt des Mythos tatsächlich, wenngleich nur wenige Eingeweihte davon wissen. Es ist ein gefährliches, verbotenes und vergiftetes Wissen und wirkt wie eine Droge. Hat sie einen erstmal in ihren Bann geschlagen, kann man nicht mehr ohne sie und will immer mehr davon. Gleichzeitig ist es der Weg in die eigene Vernichtung, in den geistigen Untergang.«

»Sie sprechen fast so kryptisch wie mein Patient. Was heißt das denn nun konkret? Ich kann mir nichts Genaues darunter vorstellen. Was ist so gefährlich daran?«

»Es ist schwer, anschauliche Beispiele für ein derart abstraktes und komplexes Gedankenkonstrukt wie den Mythos zu liefern, aber ich will es versuchen: Betrachten Sie das Ganze als eine neue Sichtweise, einen gänzlich unvoreingenommenen Blick auf das Universum. Wenn Sie alles ausschalten, was Ihnen Erziehung und erlerntes Wissen suggerieren, vermeintlich von der Welt zu wissen, nur dann sind Sie offen, um wahrhaft zu sehen. Der Mythos ist der Schlüssel zu echter Erkenntnis über den Ist-Zustand aller Dinge, zur Enträtselung der letzten Geheimnisse und Mysterien des Universums selbst.«

»Aber wie gelange ich an derartiges Wissen, wenn Sie die für die Menschheit seit Jahrtausenden erprobten Methoden der Erkenntnisgewinnung für unbrauchbar halten?«

»Sie denken unsere Wissenschaft ist alt? Der Mythos ist älter, wesentlich älter. Er ist so alt wie die Sterne selbst. Doch ich habe Bücherwissen nicht per se diskreditiert. Nur das gewöhnliche und wissenschaftliche, das Sie normalerweise benutzen.«

»Wie meinen Sie das? Was ist denn Ihre Wissensquelle?«

»Ein Buch, aber kein gewöhnliches. Manche behaupten, es sei so etwas wie eine Art ,Mythos-Bibel‘. Die meisten Eingeweihten kennen dieses monströse Werke als das Necronomicon. Das Original wurde von dem verrückten Araber Abdul Alhazred um ca. 700 n. Chr. in Damaskus verfasst und trägt eigentlich den Titel Kitab Al’Azif. Ein Exemplar von Olaus Wormius‘ lateinischer Übersetzung befindet sich hier, streng hinter Schloss und Riegel aufbewahrt, im eingeschränkten Lesebereich der Universitätsbibliothek.«

»Sie haben ein derartiges Werk hier? Bitte, Professor, kann ich es sehen?«

Neugier brannte heiß in mir. Wenn ich all diese Dinge glauben sollte, dann musste ich zumindest eine Art von Beweis dafür mit eigenen Augen sehen.

»Ich fürchte, das wäre nicht gut für Sie. Ich sehe in Ihnen ein gefährliches Begehren lodern. Es wird Sie, als Unvorbereiteten, versengen und Ihren Verstand zu Grunde richten.«

Tiefe Enttäuschung wütete deutlich sichtbar in mir. Eine Weile lang debattierte ich mit dem Bibliothekar, bis er mir schließlich zugestand, das Buch zumindest zu sehen, sodass ich mich seiner Existenz und Echtheit versichern konnte.

Und dann hatte ich es endlich vor mir! Hinter einer Glasvitrine ruhte es auf einem Sockel. Zu meiner Enttäuschung war es zugeschlagen. Ich sah einen dicken, uralten Wälzer vor mir, der in Leder gebunden war. Irgendetwas daran kam mir seltsam vor, doch ich konnte nicht genau beschreiben, was es war.

Auf der Vorderseite waren weder ein Titel noch sonstige Schriftzeichen. Vielmehr prangte ein gewaltiges, okkultes Symbol – ein Pentagramm? – darauf, aus dessen Mitte sich höchst plastisch eine entsetzliche und abscheuliche Dämonenfratze empor streckte, die mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinab laufen ließ. Es war, als spränge die niederhöllische Kreatur aus dem Buch heraus, als werfe sie sich mir unmittelbar entgegen, um mich zu verschlingen und mit in die infernalische Abyss hinab zu reißen, der sie entsprungen war.

Ich begann zu erahnen, warum Armitage mich vor diesem Werk gewarnt, warum ein mittelalterlicher Papst dessen Verbreitung als Ketzerei verboten hatte; und doch … genau das machte den Reiz aus! Der Hauch des Verbotenen und Gefährlichen umspielte das Buch und der süße Duft des Wahnsinns hatte mich betört. Ich wollte mich daran berauschen, ihn tief einatmen, ihn gänzlich in mich aufsagen. All das Geheimwissen über den Mythos lockte mich, wie eine Oase den Verdurstenden in der Wüste anzieht. Armitage hatte Recht gehabt, es war wie eine Droge, und ich drohte, schon bei ihrem bloßen Anblick abhängig davon zu werden, noch bevor ich eine echte erste Kostprobe erhalten hatte.

Der Alte beäugte mich aufmerksam, während ich ehrfürchtig und auch offensichtlich voller Furcht und Abscheu das Necronomicon betrachtete. »Selbst nach all den Jahren geht es mir noch immer wie Ihnen, wenn ich zu lange davor stehe und es anblicke. Dann habe ich stets das Gefühl, dass ES, das Etwas zurück starrt, bis auf den Grund meiner Seele dringt und diese zu verschlingen droht. Ich sagte doch, dass das Buch monströs und gefährlich ist. Verstehen Sie nun? Ein Teil der grausigen Wirkung liegt vermutlich daran, dass der Einband aus Menschenhaut gefertigt ist…«

DAS war es also gewesen, was mich nach dem ersten Blick darauf derart entsetzt hatte! Irgendwie hatte ich unterschwellig eine derartige Perversion erwartet und erahnt. Der Gedanke daran ließ mich würgen und mir wurde schwindlig. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und danach weiß ich nicht mehr viel…

Ich muss wohl ohnmächtig geworden sein, denn als ich wieder zu mir kam, erwachte ich im bequemen Ledersessel von Professor Armitages Arbeitszimmer. Vor mir standen ein Glas Wasser und ein Beruhigungspulver. Beides nahm ich dankend an. Wir sprachen noch eine Weile über Belanglosigkeiten, bis ich mich schließlich wieder so weit bei Kräften befand, dass ich mir zutraute, den Heimweg allein anzutreten.

Als ich mich von dem alten Bibliothekar verabschiedete, ermahnte er mich zur Verschwiegenheit über das Necronomicon. Ich versprach ihm dies und er versicherte mir im Gegenzug, stets ein offenes Ohr für mich zu haben, was meine Fragen bezüglich des Mythos anging.

Dann schlenderte ich nach Hause und ich wusste, dass mein Leben fortan nie wieder dasselbe sein würde wie zuvor…

Buch der Woche

Joseph von Eichendorff:

"Das Marmorbild"  (1819)

 

Über den Autor

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) war einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Romantik. Er ist besonders als brillanter Lyriker bekannt, dessen Texte zu den meistvertonten im deutschsprachigen Raum zählen. Auch als Prosadichter wurde er vor allem mit seinen Novellen Das Marmorbild und Aus dem Leben eines Taugenichts berühmt.

 

Die deutsche Romantik

Die Brüder Schlegel (insbesondere Friedrich) legten in ihrer Zeitschrift Athenäum die theoretische Grundlage für die literarische Strömung der Romantik. Eine zentrale Forderung war dabei die Abwandung von "klassischen" (=antiken) Vorbildern. Stattdessen wurden altdeutsche, mittelalterliche Motive zum Ideal erklärt. Für die Romantiker waren Sprache und Kultur das, was die zersplitterte deutsche Nation im (post)napoleonischen Zeitalter vereinen sollte. Der Fragmentgedanke des unfertigen, sich stets weiter entwickelnden Kunstwerks, ein fast schon pantheistisch zu nennendes Naturbild und das Konzept der progressiven Universalpoesie waren weitere zentrale Aspekte der romantischen Bewegung. Die Aufhebung aller Genregrenzen der Kunst, die Synästhesie, wurde nicht nur theoretisch erdacht; im Marmorbild und anderen literarischen Texten kommen oftmals musikalische Elemente (zahlreiche Lieder, stark musikalische Lyrik) vor, und setzen diese Forderung konkret in die Tat um. Das Feindbild der Romantiker war der Spießer oder Philister, der moderne Mensch, der sich im Alltag und aufgrund der Industrialisierung von sich selbst und seinen Wurzeln entfremdet hat und ein sinnentleertes, tristes Dasein fristet.

 

Der Plot

Florio, ein junger deutscher Adeliger, ist in Italien, dem Sehnsuchtsland der Romantiker, auf dem Weg nach Lucca. Er trifft den Sänger Fortunato, der ihn mit auf ein rauschendes Fest nimmt, wo er die schöne Bianka kennenlernt, in die er sich sofort unsterblich verliebt. Es fließt reichlich Wein und das Auftauchen des gespenstischen Ritters Donati gibt der ganzen Szenerie eine Wendung ins Unheimliche.

In der Herberge kann Florio nicht einschlafen. Der magische Zauber des Mondlichts schlägt ihn in seinen Bann und so schleicht er sich hinaus. Er erreicht einen Weiher, an dem ein marmornes Abbilder der antiken Liebesgöttin Venus steht.

Fortan ist Florio stets hin und her gerissen zwischen seiner Liebe zu Bianka und der Versuchung durch das Marmorbild der Venus. Nachts träumt er von letzterer und in einem mittaglichen Tagtraum vermeint er gar mit dem Ritter Donati durch einen Hain oder Tempel der Göttin zu schreiten, wo ein ausgelassenes Treiben herrscht.

Fortunato bringt ihm eine Einladung zu einem Maskenball. Auf dem Fest trifft er Bianka wieder und ist kurz davor, ihr seine Liebe zu gestehen, als er vermeintlich die Venusgestalt auftauchen sieht. Florio kann nicht anders, als dieser magischen Verführerin zu folgen und Bianka traurig zurückzulassen.

Einige Tage später kommt Florio in das Schloss der schönen Dame (eigentlich die Ruinen eines antiken Venustempels). Kurz bevor die Venus den Jüngling gänzlich verführen kann, wandelt sich die Szene ins Grauenhafte. Ein Gewitter tobt in der Ferne, Statuen erwachen zum Leben und die Göttin verwandelt sich in eine Schreckgestalt. Einzig das Lied des Sängers Fortunato, das aus der Ferne erklingt, rettet Florio und führt ihn von dieser Szenerie fort.

Entsetzt flieht er aus Lucca. Auf dem Weg aus der Stadt heraus trifft er Fortunato und Bianka wieder. Florio erkennt seinen Fehler und wendet sich ab vom Zauber des Marmorbilds, der ihn fast überwältigt hätte. Er erkennt, dass er eigentlich Bianka liebt. Das Mädchen hat ebenfalls Gefühle für ihn, war jedoch entsetzt ob seines seltsamen Verhaltens unter dem Einfluss des Venuszaubers. Die beiden Liebenden haben zusammen gefunden und die Geschichte endet.


KW 17/2018

Zitat der Woche

In a pleasant spring morning all men's sins are forgiven.

- Henry David Thoreau

Text der Woche

Frühling in Eichstätt

 

Violetter Frühlingsblüten sanftes Leuchten

Erhellt mein wintertrübes Herz mit Freude.

Der sanfte Hauch der frischen Brise

Bringt meine Seele hocherfreut zum Klingen.

 

 

Die Welt ist durch und durch erfüllt von Leben

Und lässt mein Herz sich lieblich wärmen.

Ein Buchfink landet singen neben mir;

Auf seinen Schwingen will ich zur Sonne streben.

 

 

Die Natur in ihrem wundersamen Wandelspiel

Zieht mich in einen zauberhaften Märchenbann.

Ich will hinausziehen in die herrliche Welt,

Ein strahlend Licht sein für die Menschen.

Gedicht der Woche

Joseph von Eichendorff

Frühlingsmarsch

Hoch über euren Sorgen
Sah ich vom Berg ins Land
Voll tausend guter Morgen,
Die Welt in Blüten stand.

Was zagt ihr träg und blöde?
Was schön ist, wird doch dein!
Die Welt tut nur so spröde
Und will erobert sein.

Lasst die Trompeten laden,
Durchs Land die Trommeln gehn,
Es wimmeln Kameraden,
Wo rechte Banner wehn.

Wir ziehn durch die Provinzen,
Da funkelt manches Schloss,
Schön Lieb, hol dich vom Zwinger
Und schwing dich mit aufs Ross!

Und wenn das Blühen endet:
Noch taumelnd sprengen wir,
Vom Abendrot geblendet,
Ins letzte Nachtquartier.


KW 15/2018

Zitat der Woche

But the silence was unbroken, and the stillness gave no token,

And the only word there spoken was the whispered word, "Lenore?"

- Edgar Allan Poe: The Raven

Text der Woche

Für Philipp und Felicitas Lennert

Anlässlich der Taufe ihrer Eleonora

 

Der Kleine Hausdrache Nora

 

Es war einmal vor langer Zeit im weit entfernten Land Franconia, während der Herrschaft des großen Königs Angelus Mercúlus III., dass sich das Reich in großer Aufruhr befand. Scharen von Bauern flüchteten vor Krieg und Zerstörung aus den umliegenden Ländern und die Bevölkerung ächzte und murrte unter der Last. Besonders verheerend waren aber die ständigen Heimsuchungen durch einen gewaltigen Lindwurm, der Felder verwüstete und die Häuser einfacher Leute wie die Burgen hoher Herrschaften gleichermaßen in Brand setzte. Der alte König, der damit beschäftigt war, die ständigen Streitereien seiner Vasallen zu schlichten, sandte seinen Sohn, den starken Prinzen Iwein aus, um der Bestie endlich den Garaus zu machen. Sieben Tage und Nächte stritten der Ritter und der Drache, bis schließlich beide zur gleichen Zeit vom finalen Schlag des Gegenübers dahingerafft tot zu Boden sanken. Überall im Land mischten sich die Klagen über den Tod des edlen Prinzen mit Jubelrufen auf den siegreichen Drachentöter und den langerhofften Frieden.

 

Von alldem bemerkten Felix und Filine kaum etwas, denn sie lebten allein und gänzlich abgeschieden im Wald. Sie liebten die Stille und die Ruhe und den Frieden, die der Wald ihnen boten. Auch reichlich Nahrung lieferten ihnen der Wald und der See, an dessen Ufern ihre beschauliche Hütte lag. Nur einmal im Monat, wenn Markttag war, spannten sie ihre gute alte Coco, ein treues Tier, vor den Wagen und fuhren in die nahe Eichenstadt zum Markt, wo sie die Erzeugnisse des Waldes gegen die wenigen Dinge menschlicher Machart tauschten, die ihnen in ihrer Waldesidylle fehlten. So flogen die Jahre dahin und sie wussten nicht viel von Königen und Drachen und Prinzen, denn das Wenige, das die Leute auf dem Markt ihnen von der Welt erzählten, verstanden sie nicht oder es waren schlechte Nachrichten von Krisen, Krieg und Krankheiten, die sie nicht hören wollten.

 

In etwa zur selben Zeit erwachte die kleine Nora. Es war dunkel und eng und als sie ihren Kopf in die Höhe reckte, um zu sehen – Knack! – erblickte sie zum ersten Mal die Welt um sich herum mit verträumten und noch halb blinden Augen. Es waren die Augen eines Drachen, genauer gesagt eines Hausdrachen, des gemeinen draco domesticus, wenngleich die kleine Nora nicht viel von Latein oder Drachen oder überhaupt etwas verstand. Sie war in die Welt geworfen worden und diese Tatsache beantwortete sie als allererstes mit einem Schrei, denn sie weinte, wie Kinder eben weinen, wenn sie geboren werden und erstrecht, wenn ihre Mutter nicht da ist, um sie zu trösten. So erging es auch Nora, obwohl sie nicht wusste, was eine Mutter ist und was Trost und Liebe bedeuten, doch sie sehnte sich aus allertiefstem Herzen danach. Wären Menschen in der Nähe gewesen, dann hätten sie von dem „schrecklichen Brüllen eines Lindwurms“ berichtet, doch ich, der Minnesänger, versichere den anwesenden hohen Damen und Herren kraft der mir verliehenen künstlerischen Freiheit, dass es tatsächlich eher ein fast schon musikalisch zu nennendes, tiefes Schluchzen eines Kindes nach seiner Mutter war, das jedem Zuhörer das steinerne Herz erweicht und diesen zu Tränen gerührt hätte.

 

Doch die kleine Nora wusste von all dem wie gesagt nichts. Sie stieg aus ihrem Ei, die Schale, durch die sie das Tor zu Welt aufgestoßen hatte, noch immer auf dem kleinen Köpfchen, und hoppelte in dem Nest herum. Da merkte sie, dass sie zwei kleine Beinchen besaß, mit denen sie sich unbeholfen fortbewegen konnte. Immer wieder verlor sie dabei das Gleichgewicht, was ehrlich gesagt ziemlich drollig aussah, und fiel auf ihre Nase. Sie stellte also fest, dass sie allein auf der Welt und zudem ziemlich hungrig war. Nora hoppelte also allein durch das leere Drachennest auf der Suche nach Futter und ihrer Mama, doch da sie beides nicht fand, weinte und schluchzte sich herzergreifend.

 

In der Zwischenzeit wanderten Felix und Filine wieder einmal durch den Wald. Es war ein schöner Spaziergang, denn der Schnee hatte die Landschaft in ein weißes Winterwunderland verwandelt. Die Kälte störte sie nicht, denn die Liebesglut ihrer beiden Herzen, die noch immer heiß für einander brannten wie am Tage ihres ersten Zusammentreffens, hielt sie warm. Nur eines wünschten sich die beiden innig in ihrer trauten Zweisamkeit: dass daraus bald eine traute Dreisamkeit werden möge. Lange hegten Sie diesen Wunsch bereits, doch bislang hatten die Götter ihre Gebete nicht erhört.

 

Da begab es sich, dass sie aus einer nahen Höhle ein Geräusch hörten. Es war eine seltsame Mischung aus einem Brüllen und einem Heulen. Felix und Filine zögerten nicht lange und stürmten hinein. Was sie dort im Schein ihrer Lampe sahen, ließ ihre Herzen höher schlagen: die kleine Nora, das Ei ihrer Schale noch immer auf dem Kopf, hoppelte drollig im Drachennest umher, weinte und suchte nach ihrer Mama. Felix und Filine sahen einander nur kurz an und nickten sich gegenseitig zu, denn sie wussten, dass die Götter ihre Gebete doch noch erhört hatten.

 

Filine nahm das kleine Drachenbaby erstmals auf ihren Arm und ihr Herz schmolz beinahe dahin wie Wachs, denn Nora blickte sie aus großen, verweinten Augen an, gab einen glucksenden Laut von sich, der so etwas wie „Mama?“ hätte sein können, und hörte schließlich auf zu weinen. Felix schloss die Arme um seine beiden Lieben und er war in jenem Moment in der Tat das, was sein Name impliziert: der glücklichste Mann auf Erden. Ihre kleine Familie war endlich zur lang ersehnten Dreisamkeit angewachsen und so kehrten sie glücklich und erfreut über dieses Wunder zurück in ihre Hütte im Wald. Die treue Coco wedelte mit dem Schwanz und begrüßte Nora mit einem feuchten Schlecken ihrer Zunge. Neues Leben war in Felix‘ und Filines Welt gekommen und hatte diese sofort auf den Kopf gestellt. Von nun an würde vieles anders werden, doch Felix, Filine und die kleine Nora waren überglücklich, denn sie hatten zusammengefunden und das war alles, was zählt.

 

Nicht viel, bleibt mir, dem Minnesänger, nun noch zu berichten, wertes Publikum, lediglich die Tatsache, dass dies erst der Anfang ihrer fantastischen Geschichte ist, und eines nicht allzu fernen Tages werden wir sicher mehr von ihnen erfahren…

 

Gedicht der Woche

Gottfried August Bürger: Lenore (1773)

 

Über den Autor

Gottfried August Bürger (1747-1794) war ein deutscher Dichter des Sturm und Drang. Sein literarirscher Ruhm basiert auf der Ballade Lenore und den Erzählungen von den Abenteuern des Freiherrn von Münchhausen.

 

Inhalt der Ballade

Die zweite Schlacht (6. Mai 1757 bei Prag) des Siebenjährigen Krieges zwischen Preußen und Östereich ist vorbei. Die Männer kehren heim, aber

unter den Soldaten fehlt Lenores Verlobter Wilhelm. Mit jedem Tag, den er nicht zurückkehrt, hadert sie mehr mit dem Schicksal und Gott und lässt sich in ihrem Kummer gar zu blasphemischen Worten verleiten. Ihre Mutter versucht vergeblich, sie von diesem Pfad, der in die Hölle führt, zu bringen. Eines Nachts erscheint Wilhelm und nimmt Lenore auf seinem Pferd zu einem geisterhaften Ausritt mit, um sie in das Brautbett zu bringen. Stunden und Landschaft fliegen dahin, während Lenore eine unheimliche Szene nach der nächsten passiert. Kurz vor Sonnenaufgang schließlich erreichen sie einen Friedhof und es stellt sich heraus, dass ihr Liebster ein Untoter ist, der sie mit in sein Grab im Totenreich nehmen will.

 

Rezeption und Nachwirkung

Lenore begründete Bürgers Weltruhm und die Ballade wurde mehrfach rezipiert. Nicht nur gab es diverse Vertonungen (z. B. 1857 durch Franz Liszt), auch Edgar Allan Poe nahm die Figur kurz in seinem Gedicht The Raven auf und machte sie zum zentralen Element der Trauer des Lyrischen Ichs.

Inhaltlich wurde es vor allem als Warnung vor Gotteslästerung und ihren Folgen gelesen. Bedeutsamer für die Rezeption war jedoch die Tatsache, dass Bürger mit Lenore so etwas wie den Ur- oder Prototypen der numinosen Ballade (=Schauerballade) geschaffen hatte. Damit legte er enen wichtigen Grundstein für die Dichtung der Romantik, die sich gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts massiv mit der Thematik auseinandersetzte. Für fast ein Jahrhundert waren Schauerelemente aus der europäischen Literatur nicht mehr wegzudenken und ein dominanter Trend der populären Unterhaltung.


KW 14/2018

Zitat der Woche

"Alles Gescheite ist schon gedacht worden,

man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken."

- Johann Wolfgang von Goethe

Text der Woche

Christopher Ravens Patientenakte (1)

Gespräch vom 27. September 193*

(Auszug aus "Die Rückkehr des Schwarzen Pharaos")

 

»Sie werden mir bestimmt nicht glauben, Doktor, aber ich bin ganz sicher NICHT verrückt!«

 

»Nun, Mr. Raven, Ihr Geisteszustand, als Sie bei uns eingeliefert wurden, war in der Tat sehr kritisch. Es freut mich zu sehen, dass Sie sich scheinbar auf dem Weg der Besserung befinden. Sicherlich werden Sie sich jetzt von den wirren Dingen, die Sie in Ihren Halluzinationen gesagt haben, distanzieren. Können Sie sich überhaupt noch daran erinnern?«

 

»Nein, Doktor. Es ist, als wäre da ein großes schwarzes Loch in meinen Gedanken. Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern, was in der letzten Woche passiert ist. Da ist absolut gar nichts mehr außer der kalten, nagenden Leere in meinem Geist. Es ist schrecklich, ganz so als würde ein Teil von mir fehlen!«

 

»Befund: Patient leidet an partieller Amnesie. Mr. Raven, was ist das letzte, woran Sie sich noch erinnern können? Während Ihres Wahnanfalls haben Sie immer wieder die Silben, ›Ho‹ und ›Tep‹ gemurmelt. Hilft das Ihrer Erinnerung vielleicht wieder auf die Sprünge? Was bedeuten sie? Was meinten Sie damit?«

 

[Notiz: Patient zuckt bei Erwähnung der Worte angstvoll zusammen und wird kreidebleich, wirkt plötzlich geistesabwesend, fast völlig weggetreten, die Augen weit aufgerissen, antwortet nicht auf die Frage]

 

»Mr. Raven, was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen gut?«

 

[Notiz: Patient minutenlang nicht ansprechbar, wie in Schockstarre, erwacht erst nach Anwendung von Riechsalz wieder langsam aus diesem katatonischen Zustand]

 

»Bitte, Doktor, erwähnen sie SEINEN Namen nicht mehr. Er kann uns hören! Er kann uns hören und wird kommen, um uns zu holen, wenn wir seinen Namen dreimal anrufen!«

 

[Notiz: Patient wirkt noch immer völlig verängstigt, blickt sich paranoid im Raum um, springt plötzlich auf und schließt hastig die zuvor zum Zwecke der besseren Belüftung geöffneten Fenster]

 

»Keine Sorge, Mr. Raven, hier sind Sie sicher. Bitte beruhigen Sie sich. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir Ihre Geschichte von Beginn an und in Ruhe. Wir haben alle Zeit der Welt. Sie können mir alles berichten, lassen Sie nichts aus. Ich glaube Ihnen, dass Sie nicht verrückt sind, aber Sie müssen Ihr Wissen mit mir teilen, damit ich Ihnen helfen kann. Dazu muss ich verstehen, was passiert ist.«

 

[Notiz: Patient beruhigt sich langsam und setzt sich wieder]

 

»Ich denke es begann alles bereits kurz nach meiner Rückkehr aus Europa. Wie sie wissen ist, auch wenn er nun offiziell für tot erklärt wurde, das mysteriöse Verschwinden meines Vaters nach wie vor nicht aufgeklärt worden. Bei der Übernahme meines Elternhauses entdeckte ich auch rasch das heillose Chaos, das in der Bibliothek herrschte. Das sah David Raven, dem akribisch arbeitenden Schriftsteller, so gar nicht ähnlich. Ich begann also systematisch damit, die zahlreichen Bücher und Schriften zu katalogisieren, zu ordnen und sie auch zu sichten.

Sie kennen sicher die Gerüchte, die sich über meinen Vater verbreitet haben. Er soll sich nach dem Tod meiner Mutter immer mehr mit dem Okkulten beschäftigt und in dubiosen Kreisen verkehrt haben. Das sieht dem Mann, den ich kannte, zwar nicht ähnlich, ganz aus der Luft gegriffen scheinen diese Geschichten aber nicht gewesen zu sein. Unter den Büchern fand ich nämlich auch zahllose okkulte Werke, darunter auch berüchtigte Schriften wie das Cultes des Ghoules oder von Blancks Blutrote Fragmente.

Auch fand ich ein altes Tagebuch meines Vaters. Darin schilderte er mehr und mehr seine wachsende Faszination für die Welt des ›Mythos‹, wie er sie nannte. Bereits nach kurzer Lektüre des Diariums musste ich feststellen, dass er aus dem anfänglichen Hobby rasch eine fatale Obsession gemacht hatte. Ständig schrieb er Andeutungen über dunkle Geheimnisse, die ›überall in und um Arkham herum verborgen‹ lägen. ›Finstere Mächte‹ wie etwa ›die Schwarze Ziege der Wälder‹ oder eine ominöse Entität mit dem kryptischen Namen ›Nyarlathotep‹ würden unbemerkt von der Allgemeinheit ihre Kabalen planen, die letztlich zu nichts Geringerem als dem Untergang der Menschheit führen würden.

Was soll ich sagen, Doktor? Ich war entsetzt und hielt ihn für vielleicht ebenso verrückt, wie ich Ihnen erschienen haben mag, als man mich in dieses Sanatorium brachte. Die Schriften meines Vaters verstörten mich jedenfalls zutiefst und ich schwor mir, sie sorgfältig zu versperren und mich nie wieder damit zu befassen. Ach, hätte ich sie doch nur verbrannt, dann säße ich jetzt vermutlich nicht hier bei Ihnen…«

 

»Wie ging es danach weiter, Mr. Raven? Was ist passiert? Haben Sie Ihren Vorsatz eingehalten?« [...]

 

Buch der Woche

Johann Wolfgang von Goethe:

"Die Leiden des jungen Werthers" (1774)

 

Über den Autor und das Werk

Über Goethe (1749-1832), den wohl bekanntesten und berühmtesten deutschen Dichter, braucht man eigentlich nur wenig Worte zu verlieren.

Der Werther zählt zu seinem Frühwerk und ist der Epoche des Sturm und Drang zuzurechnen. Er verhalf Goethe zum Durchbruch und ist u. a. auch Grundlage für seinen internationalen Ruhm.

Der Briefroman rief einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über Liebe, Moral und gesellschaftliche Zwänge hervor und hatte eine wahre "Werther-Manie" zur Folge. Man zog sich an wie der Protagonist und viele vermeintlich unglücklich Verliebte folgten dem Beispiel ihres Helden in den selbst gewählten Freitod.

 

Erzählsituation und Briefroman

Am Anfang des Briefromans steht eine für die Zeit typische Herausgeberfiktion, die Glaubwürdigkeit und Authentizität suggerieren soll. Der namentlich nicht genannte Herausgeber hat, angeblich in akribischer Kleinarbeit, Werthers Briefe gesammelt.

Diese Briefe in die Heimat an seinen besten Freund Wilhelm bilden den Großteil des Romans. Interessant ist dabei aber vor allem die Tatsache, dass die Kommunikation nur eindimensional dargestellt wird, d. h. der Leser sieht nur Werthers Briefe, nicht aber Wilhelms Rückantworten. Die Erzählung ist also auf den Protagonisten fokalisiert und äußerst eindimensional und unzuverlässig. Allerdings hiflt dies wiederum bei der Immersion des Lesers in die Romanwelt und führt automatisch zur Identifikation mit Werther und Sympathien für dessen Leiden und tragisches Schicksal.

 

Der Plot

Der junge Werther flieht vor einer unglücklichen Liebschaft auf die Landidylle eines Dorfes, wo er eine familiäre Erbschaftsangelegenheit regeln soll. Dort genießt er die Natur und gibt sich ganz seinen Gedanken und pantheistischen Erfahrungen hin, während er über Gott und die Welt sinniert und malt.

Schon bald lernt er Lotte, die Tochter des Amtmanns, auf einer Tanzveranstaltung kennen. Obwohl er weiß, dass sie einem Anderen, Albert, versprochen ist, kommen sich die beiden sehr nahe. Während eines Gewitters entdecken sie ihre gemeinsame Vorliebe für Klopstock und einzig dieses ausgesprochene Wort ist die geheime Losung, die dafür sorgt, dass die beiden sich als Seelenverwandte erkennen und zu schätzen lernen. Ein tiefes inniges Band verbindet Lotte und Werther fortan.

Die beiden sind unzertrennlich und Werther wird auch von Lottes Familie herzlich aufgenommen. Da aber taucht Albert auf und Werthers Stimmung verdüstert sich. Eine seltsame Dreiecksbeziehung nimmt ihren Lauf. Werther stört den Frieden von Lotte und Albert, die bald heiraten, durch seine ständige Anwesenheit immer wieder, doch können Lotte und Werther auch nicht ohne die Gegenwart des jeweils anderen.

Der Protagonist wird immer melancholischer und schwermütiger und verzweifelt an den sozialen Konventionen, die erfordern, dass Lotte mit Albert zusammen ist, der eine Familie ernäheren kann, und nicht mit ihm, mit dem sie eine tiefe Seelenverwandschaft verbindet.

Für eine Weile geht Werther an den Hof eines befreundeten Grafen, um dem fatalen Schicksal, das ihn erwartet, wenn er in Lottes Nähe bleibt, zu entgehen, doch hält er es nicht lange aus in der Welt des Adels und der Karrieremenschen. Er kehrt zu Lotte und Albert zurück, verfällt immer tiefer in Schwermut und Depression, bis er sich schließlich von Albert Pistolen ausleiht, mit denen er sich erschießt.

 

Warum den "Werther" lesen?

Zu seiner Zeit mag der Werther ja revolutionär gewesen sein, weil er äußerst sozialkritisch war und das veraltete Konzept der Zweckehe in Frage stellte und massiv kritisierte, doch warum sollte man heute, wo das kein großes gesellschaftliches Thema mehr ist, den Werther lesen?

Der Werther bietet weit mehr als nur eine unglückliche Liebesgeschichte und Dreiecksbeziehung. Er reflektiert beispielsweise auch das Verhältnis von Mensch und Natur, macht Karrieremenschen und Leute, die "über Leichen gehen", lächerlich, prangert die Dummheit des Spießbürgertums an und preist die Freiheit der Gedanken und der Kunst.

Es ist ein sehr radikales Werk, voll der revolutionären Ideale und Gedanken des Sturm und Drangs, doch gerade diesen frischen Wind, diese neuen Gedanken, dieses Alles-in-Frage-stellen sind zeitlos und können selbst oder gerade heutzutage niemandem schaden...


KW 13/2018

Zitat der Woche

"Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust -

ich will sagen, er ist nicht deren Gegenteil."

- Friedrich Nietzsche

Text der Woche

Das Element <Gl>

 

Ein lyrischer Chemiker bin ich.

Dies ist meine neuste Entdeckung.

 Ein Lyriker der Chemie heiß‘ ich.

 Dies ist mein großes Traktat:

 

Ein neues Element postulier‘ ich euch.

So uralt wie der Mensch ist’s auch.

 Ein jeder kennt das, wovon ich sprech‘,

 Doch versteht ihr’s auch ganz und gar?

 

 Ich zeige euch das Element <Gl>.

 Und was soll das sein?, fragt ihr mich.

 ’s ist das Glück, sag‘ ich dann einfach.

 Ihr wundert euch und versteht mich nicht.

 

 Anders muss ich darum zu euch reden:

 <Gl> ist nicht fest, noch flüssig oder Gas.

 Das Glück ist flüchtig, meine Brüder!

 Ach wie rasch kann’s euch entschwinden!

 

 Wie ein Vogel fliegt es dann davon

 Und radioaktiv nennt es die Chemie.

 Denn gar höchst instabil ist <Gl>,

 Das fragilste unter den Elementen.

 

 Die Halbwertszeit ist unberechenbar.

Oft zerfällt es in Sekundenteilen nur.

Doch länger halten kann es auch,

 Es heißt gar manch ein Leben lang.

 

 Glauben kann ich das nicht ganz,

Weiß ich doch, dass es anders ist:

Nur eine Atmosphäre braucht <Gl>

Und diese heißt: „Der Augenblick“.

 

 Von Protonen und Neutronen redet ihr.

 Ich aber erzähl‘ euch von den Isotopen,

Denn wahrlich viele davon besitzt <Gl>.

Hier will ich sie euch nun alle nennen:

 

 Zunächst <1Gl>, das ist: die Liebe.

 Überall trifft man es im Universum an

 Und hell erstrahlt es selbst im Dunkel gar.

 Mit heißer Sonnenfeuerglut es brennt.

 

 Es folgt <2Gl>, das ist: die Freude

 Und häufiger als <1Gl> kommt es vor.

 Nicht ganz so blendend hell leuchtet es,

 Doch versengt es dich auch nicht so sehr.

 

Und dann <3Gl>, das ist: die Erfüllung.

 Lang, ach sehr lang muss man‘s suchen!

 Doch ab und an, da findet man es doch ‒

 Im Einklang mit dem Universum dann.

 

 Du redest wieder wirres Zeug, Lyriker!

 Spottet ihr und lacht mich herzhaft aus.

 Sie versteh‘n mich nicht, sprach ich also.

 Ich bin nicht der Mund für diese Ohren.

 

 Bleib‘ lieber bei deinen unnützen Versen!

 So höhnt es mir erneut aus eurer Mitte zu.

 Brotlos ist die Kunst und besonders deine!

 Verbrenn‘ dich nur nicht an Wissenschaften.

 

 Ach dass ich der Mund für diese Ohren wäre!

 Sprach ich also traurig zu meinem Herzen.

Vom Elemente Glück wollt ich euch erzählen,

Doch ihr hört nicht auf Steppenwolftraktate.

08.11.2012

Buch der Woche

Friedrich Nietzsche: "Also sprach Zarathustra" (1886)

 

Über den Autor

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900), war ein deutscher Philosoph und Autor, der in Preußen geboren wurde, und später nach Basel emigrierte. Dort hatte er eine Professor für Klassische Philosophie inne. Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er, von einem psychischen Leiden schwer gezeichnet, in der Pflege und Obhut seiner Familie. Den Ruhm, den er mit seinen späten Werken, vor allem aber auch erst nach seinem Tod, erlangte, bekam er nicht mehr bewusst mit.

 

Nietzsches Philosophie

Anfänglich war Nietzsche stark von Schopenhauer beeinflusst, von dessen Lehren er sich aber später abwandte und eine starke Bejahung des Lebens in den Vordergrund seines philosophischen Denkens stellte.

Heutzutage ist Nietzsche vor allem für sein Konzept vom Übermenschen, der nächsten "Evolutionsstufe" des Menschen, und seine massive Kritik an der christlichen Moral und Kirche bekannt. Das Postulat vom Tod Gottes, hat ihm den Ruf eines Nihilisten eingebracht und wird von vielen Atheisten oftmals falsch und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.

 

Worum geht es im "Zarathustra"?

Also sprach Zarathustra ist ein Werk, in dem sich Dichtkunst und Philosophie harmonisch und auf höchstem Niveau miteinander vermischen. In Prosa, die starke hymnisch-lyrische Elemente aufweist, berichtet der Erzähler vom Leben und den Lehren des fiktiven Protagonisten Zarathustra. Letzterer basiert auf der gleichnamigen historischen Figur, einem persischen Gelehrten und Priester, dem Begründer der Religion des Zoroatrismus.

Nietzsche reflektiert über diese Figur und die von ihr gepredigten Inhalte seine eigene Philosophie. Es ist nicht nur eine Art "Best of", sondern vielmehr auch der Versuch, das Konzept vom Übermenschen und Nietzsches ganzes philosophisches Denken gezielt und lehrreich zu vermitteln.

Es gibt daher keinen "Plot" oder Inhalt des Werkes im klassischen Sinn. Vielmehr ist es zielführender, über die einzelnen kurzen Reden Zarathustras zu diskutieren, die jeweils ein bestimmtes Thema behandeln. Eine davon, die den Titel "Von den drei Verwandlungen" trägt, sei hier kurz zusammengefasst:

 

Die Reden Zarathustras: "Von den drei Verwandlungen"

Zarathustra spricht von den drei Verwandlungen, die der Geist durchmachen soll. Zunächst einmal muss er zum Kamel werden, denn es ist ein tragsames Tier, und eines solchen bedarf es, wenn der Geist mit dem "Schweren und Schwersten" beladen werden soll. Was aber ist dies Schwerste?, fragt Zarathustra und liefert zugleich auch die Antwort darauf: "Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten" und "in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist".

So beladen eilt der tragsame Geist also hinaus in die Wüste. Nur dort kann sich dann die zweite Verwandlung, hin zum Löwen, vollziehen, denn der Löwe vermag etwas, das das Kamel nicht kann: Sich Freiheit erbeuten "und Herr sein in seiner eignen Wüste." Der Löwe führt den Übermenschen zur absoluten Freiheit, denn durch ihn macht er sich frei von seinem letzten Herrn, von seinem letzten Gott und letztlich auch von sich selbst, denn nur er kann den großen Drachen des "Du-sollst" erschlagen. An seine Stelle tritt dann das selbstbestimmte und - geschaffene "Ich will".

Aber was vermag noch das Kind, welches die dritte Verwandlung darstellt, wozu Löwe und Kamel nicht fähig waren? "Unschuld ist das Kind ..., ein Neubeginn ..., ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens". Indem der Geist zum Kind wird, kann er zum Erschaffer und Weltenschöpfer seines eigenen Schicksals werden, denn "seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene."

 

Buchempfehlung - Warum den "Zarathustra" lesen?

Nietzsche, das klingt nach schwerer Kost, und wahr ist's, Nietzsche ist sicher nicht etwas für jedermann. Dennoch, wenn man sich darauf einlässt, so stellt man fest, dass seine Texte, oder zumindest der Zarathustra, aufgrund der lyrisch-poetischen Qualität, alles anderes als eine trockene, hochabstrakte philosophische Abhandlung ist. Außerdem zählt Nietzsche zu den, auch im Ausland, bekanntesten deutschen Denkern. Sein Konzept vom Übermenschen ist interessant und prinzipiell auch heute noch hochaktuell, genauso wie die Kritik an christlicher (Pseudo)Moral.


KW 12/2018

Zitat der Woche

"Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns."

- Franz Kafka

Text der Woche

Über das kosmische Grauen
(Auszug aus "Die Rückkehr des Schwarzen Pharaos")

 

Die den Verstand zerschmetternde Wahrheit, die Roland mir offenbart hatte, verstand ich erst einige Zeit später. Der menschliche Geist ist nicht für die allumfassende Dimension des kosmischen Grauens gemacht; er zerspringt in ihrem Angesicht wie eine fragile, kristallne Seifenblase; ich glaube, damals ist auch in mir etwas zerbrochen...

Die Vorstellung davon, dass uralte gottähnliche Entitäten den Kosmos beherrschen und sich nicht im Geringsten um uns Menschen kümmern (selbst wenn wir sie anbeten oder ihnen gar grausige Opfer darbieten); der Gedanke daran, dass sie uns in einem wimpernschlaglangen Gähnen einfach verschlingen und völlig auslöschen könnten, erschütterte mein Weltbild zutiefst.

Wir, die Menschheit, die wir uns in unserer Hybris selbst "die Krone der Schöpfung", Götter unter Göttern nennen, wir, die wir uns unseren Planeten mit Technik und Fortschritt untertan gemacht haben, waren plötzlich im Angesicht dieser fatalen neuen Erkenntnis zu weniger als nichtigen Insekten, zu Staubkörnern in der unendlichen Brandung des kosmischen Sternenwinds reduziert worden.

Ein unglaubliches Gefühl der Verlorenheit, der Unbedeutsamkeit bemächtigte sich meiner, als ich diese fatale Wahrheit, diese wahnsinnbringende Epiphanie verinnerlichte. Kalte, nagende, seelenzerrüttende Verzweiflung machte sich in meinem Inneren breit.

Seitdem kann ich nur noch mit unsagbarem Grauen hinauf zu den Sternen blicken, die mir einst als Schwarm der Poeten Inspiration und Vorstellungskraft verliehen hatten; doch seitdem sehe ich darin nur noch die drohende, unabdingbare Vernichtung des ganzen jämmerlichen Menschengeschlechts, das drohende Verhängnis, das wie Gottes Zorn über Sodom und Gomorra hinwegfegen und nur Tod und kalte Asche zurücklassen wird.

Buch der Woche

Hermann Hesse: "Der Steppenwolf" (1927)

 

Über den Autor

Hermann Hesse (1877-1962), auch unter dem Pseudonym Emil Sinclair bekannt, war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er erhielt 1946 den Literaturnobelpreis. Neben dem Steppenwolf ist er außerdem noch für seinen Roman Siddharta und diverse lyrische Werke bekannt.

 

Entstehung des Steppenwolfs

Der Roman hat starke autobiographische Züge. Nicht nur, dass er in der Schweiz spielt, wo Hesse lebte; der Protagonist (Harry Haller) hat auch dieselben Initialen wie der Dichter. Ebenfalls wie Hesse selbst ist er Pazifist und Ablehner der Technisierung der modernen Welt. In der Zeit zwischen den Weltkriegen entstanden, ist das Werk sehr sozialkritisch.

Aufbau des Romans

Der Text lässt sich in drei Teile untergliedern, die dem Leser jeweils von anderen Erzählerinstanzen vermittelt werden. Teil 1 ist ein Erfahrungsbericht eines namentlich nicht genannten Mannes, der Harry Haller einst kennenlernte, weil er in demselben Haus mit ihm wohnte. Er beschreibt diesen als höflichen, aber reservierten Sonderling, der scheinbar etwas exzentrisch ist und keinem Brotberuf nachgeht. Auch erfahren wir, dass der folgende zweite Teil (Hallers Aufzeichnungen) von ihm nach Harrys Verschwinden in dessen Wohnung aufgefunden wurden. Diese Tagebuchaufzeichnung werden unterbrochen von einem wissenschaftlich anmutenden Traktat über den "Steppenwolf". Darin wird die Existenz eines seltsamen Mischwesens, halb Mensch, halb Wolf, postuliert, mit der Haller sich selbst identifiziert.

 

Der Plot

Harry Haller, ein älterer Herr, der bald 50 wird, steckt in einer tiefen Lebenskrise. Die Welt, in der sich ein weiterer Krieg anbahnt, widert ihn an und er hat auch zahlreiche körperliche Gebrechen. Einzig im Suizid sieht er noch einen Ausweg aus seiner Verzweiflung und seinem Leid.

An dem Abend, an dem er beschließt, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, betrinkt er sich in zahlreichen Wirtshäusern, nur um nicht heim zu gehen, wo das Rasiermesser ihn erwartet. Da trifft er auf die lebensfrohe Hermine, ein junges, androgynes Mädchen, das seine Rettung wird. Durch die Begegnung mit ihr wendet sich Haller langsam wieder der Welt zu und gibt seine selbstgewählte Isolation auf. Hermine macht ihm klar, dass er kein Steppenwolf ist, kein Wesen, das hin und her gerissen zwischen wilder Verneinung der bürgerlichen Welt und der unerfüllbaren Sehnsucht nach eben dieser ist. Sie stellt ihm zudem ihre Freundin Maria vor, wodurch Haller zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine erotische Beziehung hat und sogar das ihm so verhasste Tanzen lernt.

Dieser Prozess der Wandlung und Veränderung vom gequält suchenden Intellektuellen, der sich in Selbstzerfleischung übt und sich selbst als rettungslos verlorenen Steppenwolf ansieht, hin zu dem mit der Welt versöhnten Lebemann gipfelt am Ende im magischen Theater, einer langen Tanz- und Drogenorgie, die Hallers Geist in die höchsten Sphären, hinauf zu den von ihm so sehr verehrten Unsterblichen wie Mozart, hebt. In zahlreichen abstrakten Szenen durchlebt Haller Schlüsselereignisse seines Lebens und macht sich frei von irrigen Vorstellungen und schmerzhaften Traumata. Schließlich ist die Ich-Zertrümmerung vollkommen und von seinem alten Ego als Steppenwolf ist nichts mehr übrig. Haller erkennt, dass er mehr als nur Wolf, Mensch oder Steppenwolf ist. Er akzeptiert die mannigfaltige Vielfachheit seiner Persönlichkeit, die wesentlich komplexer ist als das, und findet damit eine Art inneren Frieden. Danach verschwindet er und nur seine Tagebuchaufzeichnungen bleiben zurück.

 

Buchempfehlung - Warum den Steppenwolf lesen?

Der Steppenwolf ist mein absolutes Lieblingsbuch. Ich habe es mindestens fünfmal komplett durchgearbeitet, jeweils in anderen Lebensabschnitten und immer fand ich neue faszinierende Erkenntnisse darin. Warum ich den Steppenwolf empfehle?

Weil er vom Leben handelt. Der essentielle faustische Konflikt des suchenden Menschen ist ein zentrales Motiv des Textes. Wer von uns kennt das Gefühl des Hin- und Hergerissenseins nicht? Hesses Text ist aufwühlend und hält einem den Spiegel vor. An Harrys Leiden arbeiten wir Leser uns ab, erkennen uns selbst, reflektieren unsere eigene Lage, haben Mitleid mit ihm. Wir erkennen unsere persönlichen Schwächen und hinterfragen unser Leben und unsere Alltagswirklichkeit. Sehnen wir uns nach der Ruhe und dem Frieden der bürgerlichen Welt, so wie der Steppenwolf? Oder sind wir bereits in ihr gefangen und sie erdrückt uns nach und nach, bis nichts mehr von uns selbst übrig ist außer Arbeit und Konsum? Indem der Roman diese Fragen verhandelt, ist das Werk erstaunlich zeitgenössisch und aktuell.

Diese Inhalte und Diskurse machen jedoch nicht den einzigen Reiz des Steppenwolfs aus. Hesse handelt diese "schweren" und hochgeistigen Themen mit einzigartiger sprachlicher Brillianz ab, etwa im Tractat über den Steppenwolf, in den Szenen des magischen Theaters oder bei der Beschreibung von Mozart, der goldenen Spur und dem eisigen Lachen der Unsterblichen.

Alles in allem ist der Steppenwolf also zurecht ein großes Stück nobelpreisgekrönter Weltliteratur!