Zitat der Woche

In dieser Rubrik findet sich wöchentlich ein ausgewähltes literarisches Zitat, welches mir besonders gut gefällt.

Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur der, der nie geträumt hat.

- Marie von Ebner-Eschenbach


Text der Woche

Hier möchte ich einen kurzen Text(ausschnitt) aus meinem eigenen Werk vorstellen.

Auszug aus "Das Auge des Yog-Sothoth"

(Rolands Traum)

 

Schwärze umfing mich wie ein schützender Mantel der Dunkelheit, doch mein Geist kam nicht zu Ruhe. Ich war frei. Endlich frei von den Lasten der Körperlichkeit. Ich war ein Funke. Ich war Licht. Ich flog dahin mit unvorstellbarer Geschwindigkeit.

Träumte ich oder dämmerte ich noch im eigenartigen Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachsein dahin? War das alles real? Ich wusste es nicht…

Sterne zogen an mir vorbei, während sich die ganze Unendlichkeit des Kosmos vor meinem geistigen Auge entfaltete. Mein Verstand kämpfte damit, die Größe des infiniten Weltalls zu begreifen, versuchte das Ungreifbare zu verstehen.

Wo war ich? Warum und wer war ich? Und wann?

All diese Fragen wühlten sich durch mein bis zum Bersten gespanntes Bewusstsein, denn ich war nur noch genau das: Bewusstsein, ein höheres, erleuchtetes Bewusstsein, das die Fesseln der Körperlichkeit endlich abgestreift hatte und nun frei durchs All fliegen konnte.

Noch nie hatte ich mich so entfesselt gefühlt. Ich wusste, dass ich überall hin gehen konnte, und das nicht nur örtlich. Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit, all das war eins, so wie Raum und Zeit auch eins waren. Dieses Gefühl, diese Erkenntnis war unbeschreiblich und eine ungekannte innere Ekstase ergriff von mir Besitz.

Berauscht sprang ich von Galaxie zu Galaxie, ließ Sternenhaufen und Planeten hinter mir, während mein Geist all das um mich herum zu erfassen versuchte. Ein Vortex von Eindrücken drang auf mich ein und drohte, meine Wahrnehmung zu sprengen. Stählern wehrte ich mich gegen den Wahnsinn, der an meinem Verstand zu rütteln begonnen hatte und diesen zu überwältigen wollte.

Es war ein schmaler Grat zwischen Genie und Wahnsinn, das hatte Roland stets betont und nun - endlich! - verstand ich ihn wirklich…

— ROLAND! —

Dieser eine Gedanke schoss mir übermächtig durchs Hirn. Mein Freund! Ich musste ihn finden. Ich konnte ihn finden. Hier war alles möglich. Dies war der Schlüssel und ich hatte das Tor durchschritten, um ihn zu finden. Wenn nicht hier, wo dann? Schließlich gab es in diesem Zustand keine Grenzen mehr für mich. Ich konnte an jeden erdenklichen Ort zu jeder erdenklichen Zeit reisen und all das nur mittels meiner puren Willenskraft. Ich musste mich nur anstrengen und schon würde es mir gelingen, meinen Astralleib dorthin zu projizieren, worauf ich meinen Geist fokussiert hatte. Jedenfalls theoretisch…

Ich zögerte keinen Augenblick - oder doch ein ganzes Äon, wer konnte das schon sagen, in diesem Grab der Zeit? - und begann mich zu konzentrieren. Ich rief mir Erinnerungen an Roland vor mein geistiges Auge und in meinem Inneren hörte ich ihn, belehrend wie immer, zu mir sprechen:

»Folge meiner Stimme, alter Freund«, sagte er, laut und deutlich. »Folge ihr und du wirst nicht nur mich, sondern auch deine eigene Bestimmung endlich finden. Lange bist du ziellos umhergeirrt, doch es gibt so viel, dass ich dir zeigen kann. Du musst mich nur finden. Folge meiner Stimme…«

Ich konzentrierte mich stärker darauf und die Worte, die er gesprochen hatte, hallten und dröhnten nun in meinem Inneren wider und drohten mich fast mit ihrer Intensität zu erschlagen. Doch sie waren auch wie eine Art Magnet. Sie zogen mich an. Ich spürte, wie mein Astralkörper förmlich durch Raum und Zeit gerissen wurde, ein unwiderstehlicher Sog, der mich durch die Leere zwischen den Welten dorthin brachte, wo mein Freund auf mich wartete.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, doch war ich entsetzt, als ich ihn schließlich wahrnahm. Aufgrund meiner eigenen veränderten Gestalt hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass auch Roland anders sein würde als ich ihn in Erinnerung gehabt hatte. Dennoch war das Bild, das sich mir von ihm bot, ein absoluter Schock für mich, der mich fast das Bewusstsein gekostet hätte: Ein gigantisches flammendes, lidloses Auge, das von einer Corona aus violettem Licht und grünem, geisterhaften Feuer umgeben war, und beständig gespenstisch zu flimmern und zu flackern schien, schwebte vor mir in der Schwärze. Es nahm mein ganzes Blickfeld und Bewusstsein ein und hatte alles andere ausgelöscht. Da war kein Weltall mehr, keine Sterne und Sonnen, kein Licht, nichts mehr außer dieser schrecklichen, monströsen Gestalt, von der ich doch wusste, dass sie irgendwie noch immer die Essenz meines Freundes Roland war.

»Fürchte dich nicht vor mir, Leonard«, hallte eine eisige, körperlose Stimme in meinem Inneren, die mir durch Mark und Bein fuhr, »denn dies ist der Preis, den man zahlen muss, um in die urtümlichsten Mysterien des Universums eingeweiht zu werden, um die letzten Geheimnisse der Schöpfung zu ergründen. Doch der Preis ist ein geringer im Vergleich zu dem, was du dann sehen wirst. Dann wirst du erstmals in deinem Leben wirklich verstehen.

Denn wisse dies: ›Yog-Sothoth kennt das Tor. Yog-Sothoth ist das Tor. Yog-Sothoth ist der Schlüssel und der Wächter des Tores. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind allesamt eins in Yog-Sothoth.‹

Aber du bist noch nicht bereit dazu, den letzten Schritt zu gehen und zu aszendieren. Das macht nichts. Zeit ist irrelevant. Ich weiß, dass du meine Hinweise gefunden hast. Du musst ihnen folgen. Du musst zunächst ein höheres Bewusstsein erlangen, indem du verstehst. Folge den Spuren. Wenn du erkannt hast, warum ich diesen Weg gegangen bin, wirst du in der Lage sein, mir nachzufolgen und ebenfalls zum Yocculaten aufzusteigen.

Dann kannst du zur Höhle gehen. Dort wirst du meinen Leib und das Auge des Yog-Sothoth finden. Es wird dir das Tor zu ALLEN Welten öffnen und ich werde wieder mit dir kommunizieren können. Du wirst meine Stimme hören. Folge ihr ins Licht und ich werde dir zeigen, was ich gesehen habe. Lebe wohl, mein Freund. Auf bald, in einer anderen, in einer besseren Welt. Wir sehen uns… im Jenseits!«

Als die Stimme dieses Dings, das angeblich Roland war, in meinem Geist verklungen war, wurde mir sofort schwindlig und eine grauenhafte Schwärze umfing mich erneut. Alles drehte sich um mich und ich fiel, stürzte durch die Galaxien, wurde schreiend zurück geworfen in die jämmerliche Existenz meiner Körperlichkeit, die mich sofort ihre ganze Unzulänglichkeit spüren ließ.

War das also alles nur ein Traum gewesen? Warum hatte sich mein Freund darin in eine grauenhafte Abscheulichkeit verwandelt?


Gedicht der Woche

Diese Woche ausnahmsweise noch ein lyrischer Text aus meinem eigenen Werk.

Mindfuck

 

Wenn zwei gleiche, große Seelen
Gemeinsam - ach! - in höchsten Göttersphären,

Im Olymp mit den Titanen schweben,
Gemeinsam ein Lied der Hoffnung weben,
Funken Sprühen und rotes Feuer atmen,
Im EINEN Augenblicke ewig schwelgen,
Gefriert die Zeit zu Nichts
Und eine kurze Nacht
Wird länger als die Ewigkeit.

Wenn zwei geniale Seelen sich erkennen,
Sich selbst im anderen verweben,
Bis sie gänzlich nur noch EINE sind,
Dann schreit das Herz vor Glück und Licht
Und will vor Lust dann fast zerspringen.

Im Innern brennt die heiße Seelenglut
Entfacht von tiefen Worten so bedeutungsschwer,
Von Gesprächen mit des Geistes Zwilling,
Der wie ein Spiegel ist fürs eigne Ich
Und Balsam auch für die geschundne Seele.

Verschmelzen will nun Geist mit Geist
Und wenn der Funke dem Genie befiehlt,
Dann muss der schwache, stumpfe Leib
Des Meisters Ruf gehorsam Folge leisten,
Denn was könnte schöner und vollkommner sein
Als in Leib UND Geiste GANZ vereint zu sein?

 

28.07.2018