Tag 6

Martin-Busch-Hütte - Vernagt/Meran

Nachtrag zum Vorabend

Wir haben tatsächlich noch mit unseren Freunden gekartelt und sind erst kurz vor Hüttenruhe ins Bett. Trotz der Schnarcher neben mir war ich wohl müde genug, um recht bald einzuschlafen. Die Leute um uns herum waren insgesamt sehr leise und rücksichtsvoll, sodass wir erst spät, ca. 6.45 Uhr, wach wurden.


Das öde Ötztal
Das öde Ötztal

Gegen 7.30 Uhr machten wir uns dann auf den Weg. Der Aufstieg zur Similaun-Hütte, dem höchsten Punkt des E5 (mit über 3000 m knapp höher als das Pitztaler Jöchl) war anfangs recht leicht und man konnte das Ziel ausnahmsweise mal schon sehr früh, fast von der Martin-Busch-Hütte, sehen. Das war sehr motivierend, genau wie der Gedanke, dass es von da an nur noch bergab gehen würde. Nach einer Rast auf etwa halbem Weg zur Hütte, vollendeten wir den steilen letzten Aufstieg durch ein Gelände, das eher einer Mondlandschaft glich.

Ein Schmelzwassersee
Ein Schmelzwassersee

Lediglich eine Art hoch gelegener See, vermutlich aus dem Schmelzwasser des nahen Gletschers entstanden, ließ die Schönheit der alpinen Welt im ansonsten recht öden Ötztal aufblitzen.

Die Weg-Variante über die berühmte Fundstelle des "Ötzi" ließen wir bewusst aus, denn uns hätte wohl ein Museum zu dem Thema mehr interessiert als eine leere Steinspalte, in der es vermutlich nicht allzu viel Aufregendes zu sehen geben würde.

Endlich oben auf der Similaun-Hütte, am höchsten Punkt des E5, angekommen, begrüßten wir alte Bekannte und Phil aß einen Apfelstrudel. Das Ziel der langen und beschwerlichen Reise, der Vernagt-Stausee, war nun endlich in Sicht und motivierte mich noch einmal immens. Laut Führer sollten es nur noch zwei Stunden hinab sein, dann hätten wir es geschafft! Mein Knie hatte jedoch etwa ab der Hälfte des Weges zur Hütte wieder angefangen zu zwicken und ich ahnte schon Übles für den Abstieg voraus...

Der höchste Punkt des E5: Die Similaun-Hütte auf 3019 m
Der höchste Punkt des E5: Die Similaun-Hütte auf 3019 m
Blick auf den Vernagt-Stausee von der Similaun-Hütte
Blick auf den Vernagt-Stausee von der Similaun-Hütte

Es kam dann sogar noch schlimmer als befürchtet. Schon nach kurzer Zeit bergab wurden die Schmerzen unerträglich und ich konnte mein rechtes Bein eigentlich nicht mehr richtig heben. So kämpfte ich mich lahm wie eine Schnecke Meter für Meter hinab. Phil hatte mir zum Glück seine Stöcke geliehen, sonst hätte ich es wohl gar nicht gepackt. Trotzdem ging gefühlt absolut nichts mehr voran und die kleinste Belastung meines Knies brachte sofort niederhöllische Schmerzen mit sich.

So ungewohnt langsam zu gehen hatte zur Folge, dass tatsächlich wir einmal von anderen Leuten überholt wurden und nicht wie sonst umgekehrt. Phil sprach dann geistesgegenwärtig eine Gruppe von Leuten an, die wir gelegentlich unterwegs getroffen hatten. Einer davon, Sven, war zum Glück Physiotherapeut, und wurde zu meinem Retter in der Not! Er legte mir ein Tape um das Knie an und gab mir Tipps, um es zu schonen. Vor allem verordnete er mir eine Ibu 800, die ich brav nahm.

Irgendwie schaffte ich es dann tatsächlich irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit unten am Vernagter Stausee anzukommen. Ich hatte mindestens eine halbe Stunde länger gebraucht und mein Knie fühlte sich an, als wollte es mich umbringen, doch das war nun unerheblich...


ENDLICH HATTEN WIR ES GESCHAFFT!!!

Trotz meiner Schmerzen fiel eine gewaltige Last von mir ab. Die körperliche Katharsis, die ich mir selbst verordnet hatte, war vollzogen. Vielleicht heftiger als gewollt (aufgrund der Knieverletzung am Schluss), doch geschafft war geschafft! Wir gingen runter ans Ufer des Sees und Phil sprang sofort begeistert rein und nahm ein herrlich erfrischendes Bad, etwas worauf er sich von Anfang an sehr gefreut hatte...

Für mich gab es nur noch eine große symbolische Sache zu tun, um den E5 abzuschließen: einen Stein im See versenken. Doch nicht einfach irgendeinen Stein! Die Jakobspilger, die sich auf den langen Weg nach Santiago de Compostela machen, nehmen von zuhause einen Stein mit. Dieser symbolisiert die Dinge, die sie belasten. Der Pilgerweg soll eine Katharsis, eine Reinigung von diesen Affekten sein. Am höchsten Punkt des Weges, dem Cruz de Ferro, legen sie den Stein demonstrativ ab und mit ihm eben all die Sorgen und Ängste, die auf ihnen lasten. Leider habe ich es verpasst, diesen symbolischen Akt auf dem Camino zu zelebrieren, doch ich wollte das unbedingt auf dem E5 nachholen. Ich hatte mir von daheim tatsächlich eigens zu diesem Zweck einen Stein eingepackt und mit über die Alpen geschleppt! Und nun war ich an meinem Ziel angelangt.

Ich nahm einen Zettel zur Hand und begann zu schreiben. All die Dinge, die mich in meinem Leben belasten, schrieb ich darauf. Dann band ich den Zettel mit den Sorgen und Ängsten darauf um den Stein und versenkte ihn im Stausee, welch eine großartige Genugtuung! Ich fühlte mich plötzlich federleicht!

Dennoch war für mich war klar, dass mein (Wander)Weg hier aufgrund der Knieprobleme enden würde. Die ursprünglich noch geplanten, leichten zwei "Bonus-Etappen" runter nach Meran waren für mich kein Thema mehr. Klar, es wäre nett gewesen, noch ein wenig zu wandern und nun unbeschwert die schöne Bergwelt genießen zu können, doch die Spannung war irgendwie auch raus. Wir hatten das Schwerste geschafft und der Weg hinab nach Meran wäre nur noch ein gemütliches "Auslaufen" gewesen. Die eigentliche Challenge hatten wir bereits gemeistert.

Ich wusste nicht, wie Phil darüber dachte, doch war ich sehr froh und dankbar darüber, dass er sich dazu entschloss, ebenfalls mit mir zu kommen und den stündlich fahrenden Bus nach Meran zu nehmen. Wie für die allermeisten E5-Wanderer endete also unser eigentlicher Weg in Vernagt. Die kommenden einandhalb Urlaubstage in Meran sollten nur noch den krönenden Abschluss des Ganzen bilden...

Ende der Reise: Das wunderschöne Meran mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten und dem regen Kulturprogramm
Ende der Reise: Das wunderschöne Meran mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten und dem regen Kulturprogramm

Einen positiven Nebeneffekt hatte die frühere Ankunft in Meran dann noch: Wir kamen nun doch am selben Tag wie unsere Freunde Dominik, Janina, Elisa und René in der Stadt an. Natürlich verabredeten wir uns zum Abendessen und genossen eine gute italienische Pizza und so manchen Drink. Geschichten vom E5 wurden nochmals Revue passiert, wir tauschten uns aus und feierten bis tief in die Nacht!

Die E5-Party-Crew beim Feiern in Meran (v. l. n. r.): René, Elisa, meine Wenigkeit, Philipp, Dominik und Janina
Die E5-Party-Crew beim Feiern in Meran (v. l. n. r.): René, Elisa, meine Wenigkeit, Philipp, Dominik und Janina

Herzlichen Dank an alle, die mich auf dem Weg über die Alpen begleitet haben, wie kurz auch immer, und diesen zu dem wunderbaren und unvergesslichen Ereignis gemacht haben, das immer einen großen Platz in meinem Herzen haben wird. Insbesondere möchte ich Phil danken, der es die ganze Zeit mit mir ausgehalten und auch so manches Foto beigesteuert hat, wenn mein Handy mal wieder gestreikt hat :-)

Du bist der Beste, Bro, lass uns noch viele solche Abenteuer gemeinsam als Superteam bestreiten!