Tag 3

Memminger Hütte - Zams

Nachtrag zum Vorabend

Es ist angenehm mit Philipp zu reisen. Er ist ein geselliger Mensch und kommt sofort mit jedem ins Gespräch. So lernten wir doch tatsächlich inmitten der Alpen mit Dominik und seiner Freundin Janina zwei wunderbare Menschen kennen, die meine Leidenschaft für Brett- und Kartenspiele teilen. Während ich wirklich nur pragmatisch nützliche Dinge für das eigentliche Wandern eingepackt habe, befand sich im Gepäck der beiden doch tatsächlich das ein oder andere Kartenspiel und so verbrachten wir einige lustige und gesellige Stunden in der Gaststube der Hütte, bevor die Müdigkeit uns zum Schlafen zwang.


Wie am Jakobsweg begann schon vor dem ersten Sonnenlicht das allgemeine Kramen und Rascheln im Schlafraum und so wurden auch wir kurz vor 6 Uhr wach und konnten nicht länger schlafen. Während die meisten anderen Wanderer sich ein Frühstück auf der Hütte gönnten, sammelten wir unsere Sachen und verließen wohl als erste die Unterkunft. Überall war noch Nebel und dadurch wurden wir Zeuge eines wunderbaren Schauspiels: Nur wenig Meter von der Hütte entfernt weidete eine Herde Steinböcke. Die sonst so scheuen Tiere waren, vermutlich aufgrund des Nebels und der frühen Stunde, extrem nah an die Hütte herangekommen und keine zwei Meter von uns entfernt!

Eine Herde Steinböcke im Morgennebel unmittelbar neben der Memminger Hütte
Eine Herde Steinböcke im Morgennebel unmittelbar neben der Memminger Hütte

Es war fast zeitgleich zum Vortag 6.20 Uhr, als wir unseren Tagesmarsch begannen. Zunächst führte der Weg erneut bergauf. Wir stiegen von 2200 bis auf 2600 Höhenmeter zur Seescharte hinauf und passierten dabei drei herrliche Gebirgsseen. Der Nebel war unser stetiger Begleiter und bewegte sich dabei mit einer derartigen Geschwindigkeit an uns vorbei, dass wir ihm förmlich beim "Wandern" zusehen konnten.

Der Führer veranschlagte für den Aufstieg etwa eine Zeit von 1 Std. und 20 Minuten, doch uns gelang der Weg in ziemlich genau einer Stunde. Der letzte Teil über den Grat war eine regelrechte Kletterpartie, die Menschen meiner Körpergröße mit Rucksack nur dank der in den Fels geschlagenen Stahlseile schaffen können. Dann jedoch standen wir oben und hatten es schließlich auf die Seescharte geschafft. Dort bot sich uns trotz des Nebels ein unglaubliches Panorama und ein atemberaumbes Wetterspektakel:

Am ersten Zwischenziel angekommen, gönnten wir uns eine ausgiebige Rast mit Frühstück. Nach dem obligatorischen Gipfelselfie zogen wir uns dicker an, denn der Wind pfiff laut und kalt über die Seescharte.

Dann begann der große und lange Abstieg von der Seescharte (2600 m) nach Zams (800 m), der uns für den Rest des Tages quälen sollte. Schon bald verstanden wir, warum der Weg im Führer als "schwarz" eingestuft wurde. Der erste Teil des Abstiegs war sehr steil und von viel Geröll geprägt, da wir uns weit über der Baumgrenze befanden. Zum Glück regnete es nicht, doch insgesamt war es recht kalt und feucht vom Nebel und dem Regen des Vortags. Bei Schnee wäre der Abstieg wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. So kämpften wir uns weiter voran und wir hatten einen guten Schutzengel, denn oft löste sich der ein oder andere Stein unter unseren Füßen und trat eine ganze Menge Geröll los. Einmal rutschte ich tatsächlich leicht weg, weil ich von einem Schotter- auf einen Erdteil gekommen war, der völlig glatt war und keinen Halt bot, doch zum Glück kam ich mit einem Schrecken davon.

Den steilsten Teil schließlich hinter uns lassend, erreichten wir endlich - jetzt wieder unterhalb der Baumgrenze - die Oberlochalm, wo wir einkehrten und rasteten. Dort wurden wir von einer netten Dame bewirtet und wärmten uns erstmal auf. Phil tratschte dabei nicht nur mit dem Hausherrn, der gerade mit seinem Hütehund von der Weide kam, sondern wurde auch zum "Kuhflüsterer":

Der Name Philipp bedeutet "Pferdefreund", doch wer hätte gedacht, dass das auch "Kuhflüsterer" heißen kann :-)
Der Name Philipp bedeutet "Pferdefreund", doch wer hätte gedacht, dass das auch "Kuhflüsterer" heißen kann :-)

Gestärkt ging der nun moderatere Abstieg durchs "Zammer Loch" zur Unterlochalm weiter, die von demselben Ehepaar betrieben und je nach Jahreszeit abwechselnd zur Oberlochalm bewirtschaftet wird. Wir folgten dem Fluss und kamen in den für mich landschaftlich schönsten Teil des gesamten E5, den sogenannten "Märchenwald". Voll und ganz konnte ich den Namen nachvollziehen und ich sah so manche literarische Schwärmerei romantischer Autoren vor meinem Geist aufblitzen angesichts des Zaubers, den der in leichten Nebel gehüllte Wald ausstrahlte. Wir waren uns einig, dass man es an einem solchen Ort in einer einfachen Hütten ziemlich gut für den Rest seines Lebens aushalten könnte...

Die Aussicht und der fast mystische Moment, den wir erleben durften, sind schwer in Worte zu fassen und der Zauber des Augenblicks ist selbst auf Fotos nur schwer einzufangen. Dennoch habe ich es versucht:

Der Märchenwald, ein mystischer Ort: herrliche Wiesen, wunderschöne Nadelbäume und dampfender Nebel
Der Märchenwald, ein mystischer Ort: herrliche Wiesen, wunderschöne Nadelbäume und dampfender Nebel

Der letzte Teil nach Zams war dann wieder etwas härter und begann zunächst mit einem erheblichen Gegenanstieg, der so steil war, dass wir uns irgendwann nicht mehr sicher waren, uns noch auf dem richtigen Weg zu befinden. Nachdem GPS und unser Wanderführer uns beruhigt hatten, kämpften wir uns weiter und dann begann der finale Abstieg. Neben uns klaffte oftmals ein fataler Abgrund in die Tiefe und der Weg war eng - man hatte ihn tatsächlich einst künstlich in den Berg gesprengt - doch zum Glück war er gut gangbar und nur an seltenen Stellen wirklich schwierig, insbesondere im Vergleich zu dem, was wir beim Abstieg von der Seescharte schon hinter uns gelassen hatten.

Bald schon kamen die ersten Dächer der Stadt in Sicht und motivierten uns weiter hinab zu stürmen. Auf den letzten Kilometern vor dem Ort überholten wir noch einen Jäger mit seinem Hund. Von ihm erfuhren wir einiges über Zams und erhielten vor allem auch einen echten Geheimtipp zwecks Übernachtung! Das Gigele-Haus war nicht nur schön, sauber und günstig, wir wurden dort auch äußerst herzlich von dem netten Ehepaar willkommen geheißen und aufgenommen. Wir fühlten uns sofort wie zuhause, konnten unsere Wäsche waschen und trocknen, endlich so lange heiß duschen wie wir wollten und genossen die Vorzüge der Zivilisation, denn wir wussten, dass es unsere einzige Übernachtung im Tal auf dem E5 sein würde. Also gingen wir noch in den Ort, füllten unsere Vorräte für die nächsten Tage auf und gönnten uns ein richtig gutes Abendessen. Danach fielen wir ins Bett, wo wir endlich herrlich tief und fest schliefen!

Verdiente Ruhe für müde Wanderer nach einem langen Abstieg: Die Betten im Gigele-Haus in Zams
Verdiente Ruhe für müde Wanderer nach einem langen Abstieg: Die Betten im Gigele-Haus in Zams