Tag 2

Kemptner Hütte - Memminger Hütte

Nachtrag zur 1. Nacht

Wir hatten in der Kemptner Hütte nicht vorreserviert - manche Leute haben vor mehr als einem halben Jahr schon keinen Platz mehr buchen können! - und fanden dennoch ein Quartier. Phil und ich brauchen gerade auf so einem Wanderweg keinen Luxus und wir hätten auch das Notquartier genommen, sogar lieber, weil das günstiger gewesen wäre. Das Matratzenlager unter dem Dach, in dem wir schliefen, war jedenfalls völlig überfüllt und ich hatte weniger Platz als in der engsten und überfülltesten Herberge auf dem Camino. Wie Ölsardinen lag man fast Ellenbogen an Ellenbogen und so schliefen wir nicht viel.

Doch es gab auch eine gute Nachricht: Das mächtige Gewitter, das sich den ganzen ersten Tag abgezeichnet hatte, zog in der Nacht über uns hinweg. Donner grollte, Blitze zuckten und wir waren froh, dass wir es warm und sicher hatten. Die urtümlichen Naturgewalten erfährt man in solchen Momenten in den Alpen näher und präsenter als dies im Flachland und in den Städten jemals möglich wäre...


Salamandra atra, der Alpensalamander
Salamandra atra, der Alpensalamander

Gegen 6.20 Uhr starteten wir ohne Frühstück zur nächsten Etappe. Es regnete nicht und die Gunst der Stunde wollten wir nutzen. Zunächst ging es nochmals bergauf zu einem nahen Gipfel, wo die Grenze zwischen Bayern und Tirol verlief. Wir hatten also österreichischen Boden betreten.

Von da aus begann der Abstieg nach Holzgau. Bei leichtem Regen kamen wir sehr gut voran. Neben zahlreichen seltsam pechschwarzen Salamandern, die schier überall am Weg auf den Steinen herum krochen, entdeckten wir auch eine junge Gams.

Den Abstieg schaffte ich in nur zwei Stunden. Phil und ich hatten uns kurz zuvor für ein Stück getrennt. Während ich dem Hauptweg an einem Wasserfall vorbei folgte, nahm er einen Alternativ-Weg, der über Österreichs längste Hängebrücke führte. Für mich mit leichter Höhenangst war das jedoch keine Option und so verabredeten wir uns in Holzgau im Gasthaus "Zum Bären", wo wir uns mit Tee und Kaffee erstmal aufwärmten und auch das weitere Vorgehen berieten. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten einer Busfahrt.

Österreichs längste Hängebrücke kurz vor Holzgau
Österreichs längste Hängebrücke kurz vor Holzgau

Meinen ursprünglichen Plan, die komplette Strecke zu Fuß zu bewältigen, verwarfen wir schnell. Es gab gute Gründe, warum die meisten E5-Wanderer die Etappen im Tal übersprangen und mit dem Bus fuhren. Sie waren kaum anspruchsvoll und landschaftlich wenig spannend. Der Reiz waren die Berge und der eigentliche Grund, warum wir die Alpenüberquerung in Angriff genommen hatten. Stunden zu verlieren, indem man durch das Tal wanderte, schien uns da wenig sinnvoll zu sein, zumal wir solche Erfahrungen ja jederzeit bei uns vor der Haustür in Franken auch hätten machen können...

Der Bus von Holzgau brachte uns also direkt vom Gasthaus zur Materialseilbahn der Memminger Hütte, wo der Aufstieg erst richtig begann. Die Fahrt kostete 15€ und war nichts für schwache Nerven, denn sie ging über einen abenteuerlichen Höhenweg. Linkerhand gähnte nur zu oft neben mir ein Abgrund, in den ich besser nicht hinunter gesehen hätte...

In all der Zeit hatte ich nicht wirklich etwas gegessen, denn das Frühstück hatten wir bewusst ausgelassen, um vor dem Regen nach Holzgau zu kommen. Dort angekommen hatte ich mir nur einen Tee gegönnt. Beim Aufstieg zur Memminger Hütte erwies sich dieses Vorgehen als fataler Fehler. Der Anstieg entsprach in etwa von Länge und Schwierigkeitsgrad dem des gestrigen Tages, doch war ich einfach völlig entkräftet durch den Energie- und Nahrungsmangel.

Das gemeine Alpenmurmeltier, ein knuffiger Weggefährte!
Das gemeine Alpenmurmeltier, ein knuffiger Weggefährte!

Wir rasteten daher nach kurzer Zeit und ich führte meinem Körper die dringend benötigten Kalorien zu. Dann lieh mir Phil seine Stöcke, damit ich sie beim Aufstieg mal ausprobieren konnte. Sie halfen mir wirklich dabei, mich über die schwereren Passagen hoch zu hieven. Ich hatte vorher keine Erfahrung mit Stöcken gemacht und war immer ein Verfechter davon, derart unnötigen Ballast wegzulassen. In der Ebene und beim Abstieg brauche ich sie nicht und finde sie hinderlich, aber beim Aufstieg im Hochgebirge haben sie für mich ihren Nutzen unter Beweis gestellt. Wir kämpften uns vorbei an einem Minigletscher und einem Wasserfall und erreichten schließlich eine Art Hochebene, auf der die Hütte lag. Ein Sumpf befand sich inmitten des Talkessels und wir erblickten gar vier (!) Murmeltiere, die lustig pfiffen, um ihre Artgenossen vor uns zu warnen.

Als wir auf der Hütte ankamen, hatten wir wieder eine ordentliche Zeit hingelegt. Aufgrund der Busfahrt waren wir sogar zu früh dran und konnten noch nicht einchecken, denn das war erst ab 14h möglich. Wie auch beim Rest der Wanderung hatten wir nicht vorreserviert und mussten uns so mit dem begnügen, was man uns anbot, doch es war deutlich mehr Platz im Matratzenlager als in der Nacht zuvor.

Panoramabild vom Etappenziel des 2. Tages: Die Memminger Hütte auf 2242 m
Panoramabild vom Etappenziel des 2. Tages: Die Memminger Hütte auf 2242 m