John Polidori

"The Vampyre"

(1819)


Über den Autor

John William Polidori (1795-1821) war ein Londoner Doktor der Medizin und Schriftsteller. 1816 begleitete er Lord Byron, den damals wohl berühmtesten englischen Dichter, auf seiner Reise auf den Kontinent.

 

Entstehungsgeschichte

Der Sommer des Jahres 1816 war außergewöhnlich verregnet. Byron und Polidori verbrachten diesen zusammen mit dem Dichter Percy Shelley, dessen späterer Frau Mary und Byrons Ex-Geliebter Claire Clairmont am Genfer See in der Villa Diodati. In diesem berühmten und in der Literaturgeschichte viel beschriebenen Kreis wurden neben politischen und philosophischen auch nächtelang spiritistische Themen debattiert. In diesem Zusammenhang erzählten die Anwesenden einander selbst erdachte Schauergeschichten. Aus diesem "Dichterwettstreit" gingen unter anderem Mary Shelleys weltberühmtes Werk Frankenstein hervor, aber eben auch Polidoris Vampyre. Letzteres wurde nach dessen Rückkehr nach England ohne sein Wissen veröffentlicht und anfänglich zunächst Byron zugeschrieben. Erst nach einiger Zeit wurde das Missverständnis aufgeklärt.

Schauerroman und Romantik

Zur Entstehungszeit befand sich die europäische Romantik auf dem Höhepunkt und war die dominierende literarische Strömung, sowohl auf dem Kontinent als auch in England. Die "gothic novels", Schauerromane, wurden vom Lesepubli-kum förmlich verschlungen. Nachdem sich das Genre in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als eigenständige Literaturgattung herausgebildet hatte, erfreute es sich am Anfang des 19. Jahrhunderts allergrößter Beliebtheit. Über-natürliche Wesen oder Phänomene, unheimliche und düstere Orte wie verfallene Ruinen oder alte Schlösser sind Kern-elemente des Schauerromans, der seinen Erfolg hauptsächlich aus der Ästhetisierung des Schrecklichen herleitet.

Der Plot

Aubrey, ein junger englischer Gentleman, lernt in der Londoner Gesellschaft den exzentrischen Lord Ruthven kennen. Der Mann hat eine verstörende, aber auch anziehende Wirkung, besonders auf die Frauen, die sich ihm regelrecht zu Füßen werfen und um seine Gunst wetteifern. Scheinbar mit stoischer Gleichgültigkeit nimmt der Lord dies zur Kenntnis, wie er generell undurchschaubar ist und kaum zu einer menschlichen Regung gebracht werden kann. Fasziniert von Lord Ruthven und fest entschlossen, das Geheimnis, das diesen rätselhaften Mann umgibt, zu lüften, reist Aubrey gemeinsam mit ihm durch Europa, doch es gelingt ihm nicht, mehr über ihn herauszufinden.

Nachdem Lord Ruthen in Rom eine junge Adelige verführen und ihrer Ehre berauben will, sieht sich Aubrey gezwungen einzugreifen und seine Reise allein fortzusetzen. In Griechenland erforscht Aubrey antike Ruinen und wird dabei stets von der Tochter seines Gastgebers, der jungen und unschuldigen Ianthe begleitet, in die er sich verliebt. Diese erzählt ihm lokale Spukgeschichten über Vampire, die Aubrey jedoch als Aberglaube abtut.

Entgegen Ianthes Warnungen reitet Aubrey eines Tages bei Einbruch der Dunkelheit durch den verwunschenen Wald, in dem angeblich die Vampire hausen. Ein Sturm zwingt ihn, Schutz in einer Hütte zu finden. In der Dunkelheit kann Aubrey lediglich eine Frau um Hilfe rufen hören, doch es gelingt ihm nicht, sie zu retten. Vielmehr wird er von einem unsichtbaren Angreifer mit übermenschlicher Kraft überwältigt.

Als er wieder zu sich kommt, finden Dorfbewohner ihn und die tote Ianthe. Von dem mysteriösen Angreifer fehlt jede Spur. Aubrey liegt lange in einem Delirium darnieder. Da taucht Lord Ruthven plötzlich wieder auf und kümmert sich rührend um ihn, worauf Aubrey ihm wieder verzeiht.

Erneut ziehen die beiden gemeinsam durchs Land. Als sie von Räubern überfallen werden, sieht Aubrey mit an, wie Lord Ruthven stirbt. Kurz vor dessen Tod ringt er Aubrey noch das Versprechen ab, ein Jahr lang niemandem von seinem Ableben und der gemeinsamen Reise zu erzählen. Seltsamerweise ist der Leichnam am nächsten Tag verschwunden und auch an der Stelle, wo die Räuber ihn begruben, unauffindbar.

Zurück in England freut sich Aubrey über die Anwesenheit seiner Schwester, die mittlerweile ein Alter erreicht hat, in dem sie sich in Gesellschaften präsentiert. Lord Ruthvens überraschende Rückkehr nach London ist für Aubrey ein Schock. Der Lord erinnert ihn an das Versprechen und beginnt, Aubreys Schwester zu verführen. Aubrey ist nun dem Wahnsinn nahe und unfähig, seine Schwester zu beschützen. Er wird förmlich eingesperrt und in ständige medizinische Obhut übergeben.

In der Zwischenzeit sind Lord Ruthven und Aubreys Schwester bereist verlobt. Die Hochzeit soll an dem Tag, an dem die Jahresfrist des Versprechens abläuft, stattfinden. In einem Brief an seine Schwester beschreibt Aubrey Lord Ruth-vens Schandtaten und will so die Hochzeit verhindern, doch es ist bereits zu spät: Die Braut wird nach der Hochzeits-nacht blutleer und tot aufgefunden, während von Lord Ruthven jede Spur fehlt...

Vampirdiskurs und literarisches Vorbild

Polidoris literarische Leistung besteht nicht darin, den zu seiner Zeit recht gängigen Diskurs um die Vampirmythen des Balkans zu verhandeln. Vielmehr ist es ihm mit seinem Werk gelungen, die Figur des Vampirs vom bloßen Schreckge-spenst in etwas Neues zu verwandeln: den aristokratischen Vampir und Schurken. Lord Ruthven ist der literarischer Prototyp des adeligen Blutsaugers,  der später bei Bram Stoker (Dracula) oder Anne Rice zum populären "Standardbild" des Vampirs überhaupt wird.