Interview mit Katrin Ils

Über die Autorin

Am 03.05.2018 hatte ich die Gelegenheit, mich mit Katrin Ils im Wiener Kaffeehaus Oberlaa zu treffen und dort ein gemütliches Interview mit ihr zu führen.

Katrin ist eine Fantasyautorin aus Salzburg, die mittlerweile in Wien lebt und schreibt. Im Mai 2017 erschien ihr Debütroman Unstern, der den Auftakt zu einer fünfbändigen Fantasyreihe bildet.

Das Interview

RR: Liebe Leser, heute habe ich das Vergnügen, ein Interview mit der österreichischen Autorin Katrin Ils durchzuführen.

Hallo Katrin, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, dieses Interview mit mir zu machen. Könntest du dich zunächst einmal ganz kurz für die Leser, die dich vielleicht noch nicht kennen, vorstellen, und dabei auch ein wenig auf dein Verständnis von Fantasy oder Literatur generell eingehen?

 

KI: Unter dem Begriff "Fantasy" verstehe ich Texte, die mit fantastischen Elementen arbeiten. Fantasy ist für mich eine Unterkategorie des Fantastik-Genres, zu dem ich auch noch Science Fiction, Horror und Dystopien zählen würde. Oder aber man sieht Fantasy als etwas komplett Eigenständiges. Aber ich würde einfach sagen, Fantasy bedeutet für mich ein Text, der mit fantastischen Elementen arbeitet. Ob das jetzt eine völlig neue Welt oder magischer Realismus ist, das fällt für mich irgendwie alles in diese Sparte hinein.

 

RR: Unstern ist dein Debütroman. Darin hast du die Stadt Alat erschaffen, in der die gesamte Handlung spielt. Ich fand das alles äußerst gut durchdacht und konnte mir die Stadt sehr lebendig vor meinem geistigen Auge vorstellen. Die tolle und detaillierte Karte trug auch noch dazu bei. Das Setting wirkte ein wenig orientalisch auf mich und übte etwas von dem Zauber aus, den Geschichten aus 1001 Nacht oftmals ausstrahlen. Kannst du uns ein wenig über Alat erzählen? Was hat dich dazu inspiriert und wolltest du eher ein High- oder ein Low-Fantasy-Setting erschaffen?

 

KI: Generell ist es ja so, dass diese Klassifizierung von Fantasy immer ein wenig problematisch ist, weil jeder das ein wenig anders definiert und die Meinungen darüber, was High und was Low Fantasy ist, auseinander gehen. Von daher will ich zur Beantwortung der Frage zunächst einmal meine persönliche Definition anführen, wo mir Leute natürlich auch widersprechen können. High Fantasy wäre für mich das klassische Herr-der-Ringe-Setting, also Gut gegen Böse. Es geht um das Schicksal der Welt und die Figuren sind insofern klar gezeichnet, dass es meist ziemlich offensichtlich ist, wer zu welcher Seite gehört.

 

RR: Also bei High Fantasy gibt es keine Grauschattierungen und einen sehr epischen Plot, wenn ich das mal so zusammenfassen darf?

 

KI: Ja genau, also High Fantasy verbinde ich schon sehr mit Epik. Es gibt auch andere Definitionen, wie z. B., wenn viel Magie vorkommt, ist es High Fantasy, wenn wenig Magie existiert, Low Fantasy. Wie viel Magie in der Welt vorhanden ist, nehme ich jedoch aus meiner persönlichen Definition heraus. Low Fantasy wäre für mich dann eben, dass es nicht um das Schicksal der Welt geht, sondern um das der einzelnen Charaktere.

Wenn ich jetzt vielleicht einen kleinen gedanklichen Bogen mache, dann würde ich sagen, dass High Fantasy für mich eher plotgetrieben ist. Es geht immer um die Frage: "Geht die Welt zugrunde oder nicht?" Low Fantasy hingegen wäre für mich eher charakterzentriert mit der Frage: "Überlebt der Held oder nicht?"

 

RR: Ja okay, das ergibt für mich Sinn.

 

KI: Ich vermische da jetzt ein paar Begriffe, auch was plot- oder characterdriven ist, aber das war jetzt nur ein schneller Definitionsversuch, um es mal grob zu umreißen.

Ich habe Unstern bewusst als Low Fantasy angesetzt, in dem Sinn, dass mir das Schicksal der Welt gleichgültig war. Ich wollte, dass es um die persönlichen Schicksale der Charaktere geht. Es war eine bewusste Wahl, aber auch bis zu einem gewissen Grad durch die Geschichte so vorgegeben. Den übergreifenden Bogen der Handlung von Unstern - da werde ich jetzt nicht groß spoilern - hätte man vielleicht auch episch aufmachen können, aber das wollte ich nicht.

Ich habe das schon ein paar Mal erzählt, glaube ich; Unstern ist ja sozusagen das zweite Spinoff von einer Geschichte, an der ich 2003 bzw. 2005 gearbeitet habe. Die Welt steht also schon etwas länger. In dem ersten Spinoff bin ich erstmals den Bahnu begegnet. Nachdem ich diese mächtigen Magier erschaffen hatte, war mein Gedanke sofort: Was ist mit denen unter ihnen, die keine Magie haben? Und aus dem war dann Unstern geboren. Die Welt drumherum steht also schon relativ lange. Alat selbst ist hingegen neu in dem Sinne, dass ich dieses Setting tatsächlich nur für Unstern aus dem Boden gestampft habe. - Hast du noch konkrete Fragen dazu?

 

RR: Du hast das meiste eigentlich schon ganz gut beantwortet, was dich inspiriert hat. Ich habe das jetzt so verstanden, dass du sozusagen schon eine ganze Welt stehen hattest und Alat einfach nur ein Teil davon war?

 

KI: Ja, genau.

 

RR: Das passt vielleicht auch gut zu deinem Verständnis von Low Fantasy, dass es characterdriven ist, denn in so einer Stadt kann man Charakterentwicklungen viel besser zeichnen als wie ... Herr der Ringe ist jetzt wieder ein gutes Beispiel, wo sie viel unterwegs sind. Da gibt es nicht so viele Begegnungen und meistens sind das dann Kämpfe, während in der Stadt, da kommen wir später wahrscheinlich noch dazu, kann man leichter Plottwists einbauen und Charaktere, die eigentlich ein doppeltes Spiel spielen.

 

KI: Man muss natürlich auch sagen, ich habe ja glaube ich schon drei so "Reiseromane" geschrieben, wo die Charaktere von A nach B müssen, und das ist mir am Schluss so auf den Keks gegangen...

 

RR: (Lachen) Das ist auch als Leser manchmal anstrengend, solche Bücher zu lesen.

 

KI: Vor allem ist es mir beim Schreiben auf den Keks gegangen und nach dem dritten Buch habe ich mir dann geschworen: Völlig Wurst, was ich als nächstes schreibe, es spielt in einer verdammten Stadt! Also habe ich für die Charaktere von Unstern beschlossen: Ihr bleibt da!

 

RR: Okay, gut. Machen wir weiter mit der nächsten Frage: Ich selbst habe etwa in den 90ern angefangen, Fantasygeschichten zu lesen. Wenn ich die mit denen von heute vergleiche, habe ich etwas das Gefühl, dass sich das Genre verändert hat oder dass zumindest eine Art Subgenre entstanden ist, das manche "Romantic Fantasy" nennen und das scheinbar massentauglicher ist als "klassische" Fantasy. Unsere gemeinsame Freundin, die mir Unstern empfohlen hat, hat dabei betont, dass dein Roman ganz ohne unnötigen Liebeskitsch auskommt. Ich fand das sehr erfrischend, einfach nur eine gute, alte, klassisches Fantasygeschichte ohne Glitzervampire oder Ähnliches zu lesen. War das eine bewusste Entscheidung deinerseits und wie siehst du diesen aktuellen Genrediskurs?

 

KI: Also erstmal danke für das Kompliment, es freut mich natürlich, dass das Buch gefallen hat. Es gibt jetzt auf jeden Fall einiges mehr an "Romantasy". Ich glaube es liegt aber auch daran, dass es sich gut verkauft und jetzt auch so benannt wird. Mir kommt vor, es entstehen immer mehr Subgenres, einfach weil es das Marketing viel leichter macht. Eigentlich stört mich diese Entwicklung gar nicht. Romance oder generell Liebesgeschichten haben sich schon immer sehr sehr gut verkauft. Wenn sich also eine Romancegeschichte in einem Fantasysetting auch gut verkauft, finde ich das nicht überraschend. Es gibt Leser, die das wollen, und da ist meine Einstellung immer: Warum auch nicht? Wenn es den Leuten gefällt, dann soll es doch geschrieben und gelesen werden. Das Einzige, was ich persönlich nicht mag, ist eine Liebesgeschichte, die in einen Text hinein geprügelt wird.

 

RR: Du meinst auf Teufel komm raus?

 

KI: Ja, auf Teufel komm raus. Bei Romantasy ist das ja eigentlich ganz nett, weil es da völlig klar ist: Da ist eine Liebesgeschichte in einem fantastischen Setting und darum geht es. Während bei anderen Geschichten - ich hoffe, ich setzte mich da jetzt nicht in die Nesseln, denn ich muss zugeben, dass ich die Comics nicht gelesen habe -, wenn ich da jetzt z.B. an Thor denke, das ist so ein Film, wo ich überhaupt nicht verstehe, warum da eine Liebesgeschichte dabei ist...

 

RR: Hollywood...

 

KI: Für mich persönlich - das sehen jetzt viele wahrscheinlich anders - wird nie erklärt, warum die sich jetzt lieben. Also dass sie sich wollen, ja okay, da bin ich total dabei, aber warum das auf einmal so eine tiefe, wahre Liebe ist, oder es zumindest versucht wird, das so darzustellen, die Antwort darauf war in der Story nicht drin für mich. Da hätte ich mich wahrscheinlich eher gefreut, wenn wir nur Thor gehabt hätten ohne das. Also da stört mich das, wenn Liebe nur mal so angehängt wird, weil ...

 

RR: Weil es sich besser verkauft?

 

KI: Weil es sich besser verkauft, bzw. weil geglaubt wird, dass es sich besser verkauft. Das ist wieder dieses alte Vorurteil: Frauen schreiben nur Liebesgeschichten und Frauen wollen auch nur Liebesgeschichten lesen, während Männer das nervlich überhaupt nicht aushalten und schreiend davon laufen, wenn irgendwie Liebe vorkommt. Das finde ich eigentlich schade, dass das noch immer so gehandhabt wird.

Bei Unstern selber, ja, in der Reihe kommt kein Liebesplot vor, aber das liegt eben auch an der Geschichte. Die haben wirklich andere Probleme, und keiner meiner Charaktere, vor allem nicht Kerra, ist in der Verfassung für eine Beziehung.

 

RR: Okay, also schon eine bewusste Entscheidung, aber auch ein bisschen plotgesteuert. Plot ist ein gutes Stichwort: Zurück nach Alat. Ein wichtiges Element sind die strengen Magiegesetze und eine gewisse Paranoia oder Furcht vor Magiebegabten, ein sehr klassisches Element in Fantasywelten. Kannst du vielleicht ein wenig genauer erläutern, wie es in Alat und dem Königreich darum bestellt ist?

 

KI: Also erstmal ein wenig zur Geschichte von Lazeda, so heißt das Königreich, zu dem Alat gehört. Grundsätzlich wird man entweder mit Magie geboren, oder man kann sie später noch erlernen, beides ist möglich. Leute, die mit Magie geboren sind, haben mehr Talent und mehr innere Energie, die sie dafür aufwenden können; Leute, die Magie lernen, müssen sich diese grundsätzlich mehr von anderen Quellen beschaffen, aber generell ist Magie ein Handwerk, das man erlernen kann. Es gibt verschiedene Strukturen: Orden, das sind mächtige Magier, dann Zirkel, das sind kleiner Gruppen, die eher "Hausmagie" praktizieren.

Einige Orden haben irgendwann beschlossen, dass sie eigentlich das Land regieren sollten und versucht, den König zu stürzen. Dadurch sind die sogenannten "Magierfehden" ausgebrochen, die ziemlich unschön waren, und wo auch einiges an Verfolgung stattfand. Seitdem versteht das Königshaus damit relativ wenig Spaß und hat sehr strenge Magiegesetze erlassen, die sehr genau kontrollieren, wer Magie erlernt und ob diese Leute königstreu sind oder nicht.

In Alat kommt dann noch erschwerend hinzu, dass wir diese wilde Magie haben, und man sich einfach nicht ganz sicher ist, was man jetzt mit den magisch Begabten macht. Weil der König das alles ein wenig kritisch sieht, hat er beschlossen: Diese Stadt wird erstmal abgeriegelt, und wir schauen uns sehr genau an, wer hinaus und wer hinein gelassen wird.

 

RR: Ja, spannender Aspekt. Auf die wilde Magie kommen wir später nochmal im Zuge der Unterstadt zurück. Reden wir vorher noch ein bisschen über den Plot. Der Hauptantrieb der Protagonistin Kerra ist Freundschaft. Sie möchte ihren zu Unrecht im Kerker sitzenden besten Freund Dolan retten. Dabei verhandelt dein Roman auch etwas untypische Fragen für das sonst wohl eher "seichtere" Fantasygenre, denn Kerra muss moralisch schwierige Entscheidungen treffen. Immer wieder stellt sich ihr die Frage, wie weit sie gehen kann und muss, um Dolan zu retten. Der Pakt mit dem Diebeskönig Ravid ist da nur ein Beispiel. War es dir wichtig, auch solche Diskurse in deinem Text zu haben?

 

KI: Das ist im Endeffekt gerade das, was Low Fantasy für mich interessant macht. Man hat da diese Graustufen und die Charaktere haben nicht unbedingt einen moralischen Kompass. Das Genre wirft für mich automatisch diese Fragen und Problemstellungen auf. Man kann es natürlich auch ganz anders hinstellen, aber ja, mich interessieren persönlich diese Grenzentscheidungen, diese Fragen wie: Was ist Moral und wie verändert sich das auch? In wie weit lässt auch die Welt zu, solche Entscheidungen zu treffen? Es gibt ja den berühmten Satz: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Unter welchen Umständen entscheidet man sich für Sachen, die wir moralisch verurteilen würden, die in dieser Situation aber vielleicht kaum anders möglich gewesen wären? Das sind Fragen, die mich interessieren.

 

RR: Also würdest du sagen, dass das auch mehr oder weniger aktuelle Diskurse oder interessante grundsätzliche Fragen sind, die da einfach auf der Bühne eines Fantasyplots verhandelt werden, so grundsätzliche menschliche Konflikte eben?

 

KI: Ja schon, aber ich denke Fantasy hat schon immer diese grundlegenden Fragen verhandelt, nur in einem etwas anderen Setting.

 

RR: Es ist also nicht nur seichte Unterhaltung?

 

KI: Finde ich nicht, nein. Generell find ich auch, dass Unterhaltung nichts Negatives ist, das ist vielleicht der nächste Punkt, weil ich mir denke, alle Texte, die gern gelesen werden, unterhalten. Und ob mich jetzt Twilight oder Faust unterhält, das ist unter dem Strich das Gleiche: Es unterhält den Leser. Jeder nimmt sich etwas aus dem Text mit, also sehe ich da nicht diese scharfe Unterscheidung zwischen "hoher" Literatur und Unterhaltungliteratur. Unterhaltung ist nichts Negatives, sagen wir es vielleicht einfach mal so.

 

RR: Ich glaube, man muss sich nicht dafür schämen, seine Leser zu unterhalten.

 

KI: Nein, nicht wirklich.

 

RR: Gut, kommen wir nochmal auf Alat und die Magie zurück. Unter Alat liegen uralte, magische Ruinen und eine Art zweite "Unterstadt", ein gespiegeltes Zerrbild ihres Gegenparts an der Oberfläche. Diese weitläufige, mysteriöse, magische Welt hat mir persönlich am besten an deinem Roman gefallen. Ich liebe solche klassischen "Dungeons", die voller Gefahren und Geheimnisse sind, denn ich komme selber vom Pen&Paper-Rollenspiel und da gehört sowas zu den echten Klassikern. Da habe ich als Leser das höchste Gefühl an Immersion und das Buch wird wahrlich zu einem Portal, das mich in eine gänzlich fremde Welt hinein saugt. Kannst du ein bisschen mehr darüber erzählen? Vielleicht gibst du uns ja auch einen kleinen Teaser zu dem, was noch kommen wird? Ist noch mehr mit dieser Unterwelt geplant? Immerhin gibt es einige Leerstellen, die bewusst offen blieben, wie beispielsweise die Rettung von Kerras Freundin Sidra.

 

KI: Ja, also zur Unterwelt werde ich nicht viel sagen, weil das massive Spoiler wären.

 

RR: Okay, gut, das heißt, da kommt noch was. Das ist doch schön!

 

KI: Für mich selber ist die Stadt, vor allem die Unterstadt, sozusagen auch ein eigenständiger Charakter, weil die Art, wie die Stadt, wie die Unterstadt funktioniert, das Handeln der Charaktere massiv beeinflusst. Die Fadash kommt in allen Büchern vor und wird auch immer wichtiger.

 

RR: Da freue ich mich schon darauf, erneut darüber zu lesen. Okay, schön. Das ist irgendwie auch wieder modern, die Stadt als Moloch, als modernes monströses Wesen vielleicht... Auf jeden Fall sehr ambivalent, das gefällt mir.

Dann vielleicht nochmal zur Plotgestaltung: Unstern ist sehr spannend geschrieben und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, was auch nicht sehr üblich für Fantasy ist, würde ich sagen. Zumindest bei epischer Fantasy hat man ja die unaufhaltsame Konfrontation Gut gegen Böse, den epischen Endkampf usw. Du hast ja schon gesagt, dass es dir in deinem Plot nicht darum geht. Vielmehr hast du einige unerwartete Wendungen eingebaut, wie den überraschenden Tod oder Verrat mancher Charaktere an Stellen, wo man denkt, das wäre jetzt eine leichte, gute Möglichkeit gewesen, den Plot aufzulösen. Aber das enthältst du dem Leser vor, zu Recht vielleicht. Ich persönlich fand das gut. Als Leser ist das spannend. Für den Autor ist es eine echte Herausforderung an seine Erzählkunst. Der Leser soll verwirrt werden und man will Spannung erzeugen, während man selbst ja immer noch den Überblick über alle Handlungsstränge behalten muss. Aus meinen eigenen erzähltheoretischen Experimenten in meinem aktuellen Roman weiß ich, wie schwierig es ist, dabei nicht die Übersicht zu verlieren. Wie hast du das geschafft? Hast du bestimmte Tricks oder Techniken beim Plotten?

 

KI: Ich glaube ich muss ein bisschen eine Lanze für die Fantasy brechen. Zumindest die Fantasy, die ich lese, ist nicht so geradeaus Gut gegen Böse, das nur so ganz generell.

Beim Schreiben orientiere ich mich eigentlich immer an dem Satz - ich vergesse leider immer, wer ihn gesagt hat - "Jeder Charakter will etwas, und wenn es nur ein Glas Wasser ist." Das heißt, wenn Charaktere aufeinander treffen, dann habe ich auch im Hinterkopf: Was wollen die eigentlich in dieser Szene erreichen? Wollen sie das Glas Wasser oder wollen sie dem Gegenüber Lügengeschichten hinein drücken oder wollen sie Informationen oder wollen sie ihn umbringen? Irgendetwas wollen sie immer und das ist beim Schreiben insofern ganz gut, weil man sich dabei immer die ganzen Plotfäden wieder ins Gedächtnis ruft. Der Charakter tritt auf und ich muss mir überlegen: Was will er? Was hat er bis jetzt, vielleicht auch sozusagen "offscreen", weitergebracht? Und das hilft mir.

 

RR: Das heißt, du versetzt dich dann immer möglichst in den Charakter hinein und fragst dich, was würde ich in seiner Situation wollen?

 

KI: Na ja, ich weiß ja, was meine Charaktere wollen. Jeder bekommt von mir ein Ziel, das er in diesem Buch erreichen möchte und darauf arbeiten sie halt alle hin. Ich lege das Ganze dann natürlich so konträr wie möglich an, dass es nicht fad wird.

 

RR: Ja, Konflikte gehören natürlich dazu.

 

KI: So ist es, Konflikte gehören dazu. Ich versuche jetzt, die ursprüngliche Frage nochmal in zwei Richtungen zu beantworten: der Gedanke dahinter, und dann das tatsächlich "Handwerkliche".

Klar, wenn ein Charakter auftritt, dann überlege ich mir, warum ist er jetzt da, was will der jetzt eigentlich. Das ist ganz gut, weil mir dann wieder einfällt, ah ja, sein Hauptplotpunkt ist z. B. dass er aus Alat hinaus will oder er will Kerra umbringen. Dazu muss ich noch sagen, dass wenn jemand eine Agenda hat, die nicht so brachial wie Mord ist, man diese auch mehr im Hinterkopf behalten muss.

Ganz generell plotte ich mit Karteikarten, d. h. ich schreibe die Szenen, die im Buch vorkommen sollen, auf einzelne Karteikarten. Zusätzlich dazu habe ich noch eine Liste, wo es einfach nur darum geht, bestimmte Sachen zu erwähnen. Daraus werden keine ganzen Szenen, aber es kann beispielsweise wichtig sein, einen bestimmten Ort oder Gegenstand zu erwähnen. Dann steht auf dieser Liste einfach "XY erwähnen (2x)", und ich weiß, ich muss das irgendwo im Text zweimal auftauchen lassen, einfach nur, dass der Leser das im Hinterkopf hat, wenn eine Szene damit kommt.

 

RR: So wie Kerras Begegnung mit dem Dämon am Anfang?

 

KI: Das war die allerletzte Szene, die ich für Unstern geschrieben habe.

 

RR: Wirklich? Witzig.

 

KI: Der Schattengänger hatte ursprünglich nicht dramatisch viel Plot. Er ist dann irgendwann einmal daher gekommen und dann war eben das Problem - das ist generelle eine Sache von mir, ich laufe immer sehr langsam an, bevor etwas passiert - dass ich am Anfang so viel Spannung in dieser Gassenszene aufgebaut hatte, dass von meiner Lektorin zurückkam: Da muss etwas passieren!

 

RR: Ich habe die Szene als Wiedererkennungseffekt gelesen, da Kerra ja später noch einmal auf dieses oder ein ähnliches Wesen trifft, also als rekurrierendes Element.

 

KI: Genau das ist es dann geworden.

 

RR: Das war usprünglich also nicht so geplant?

 

KI: Das war ursprünglich alles anders, aber weil da eben etwas passieren musste, fiel mir dann ein, ich habe ja meine Dämonen, ich sollte sie auch verwenden und dann habe ich die Szene so geschrieben. Der Schattengänger hat dann dadurch, dass er am Anfang aufgetreten ist, auch am Ende noch ein bisschen mehr Bühne bekommen, als es ursprünglich angedacht war.

 

RR: Okay, das war jetzt eine sehr detaillierte Antwort. Dann kommen wir auch schon zur letzten Frage. Flammendunkel, das ist die Fortsetzung von Unstern, ist ja erst vor kurzer Zeit erschienen. Wann genau eigentlich?

 

KI: Am 30.03.

 

RR: Womit kann man als Leser darin rechnen? Du musst jetzt nicht zu sehr spoilern, aber vielleicht magst du ein wenig Lust auf das Anlesen machen. Spielt das Buch auch wieder komplett in Alat oder gibt es einen Szenenwechsel? Werden die Handlungsstränge unmittelbar weiter geführt oder gibt es einen Zeitsprung und einen gänzlich neuen Plot? Der Mondschieber, der Widerstand und auch Ravid und seine Leute sind nach wie vor interessante Aspekte, die sicher noch einiges an Spannung und Erzählstoff hergeben.

 

KI: Flammendunkel ist natürlich super.

 

RR: Auf jeden Fall! Ich werde es lesen.

 

KI: Es spielt in Alat, so wie die ganze Serie. Das ist jetzt kein Spoiler, weil ich das immer wieder sage, dass sie diese Stadt nicht verlassen, weil ich keine Reisegeschichte schreiben will. Da ist die Faulheit der Autorin auch ein treibendes Element.

 

RR: Wie viele Bücher sollen es werden?

 

KI: Fünf. Aber Spaß beiseite, sie bleiben in Alat. Es ist ein kleiner Zeitsprung, aber wir reden jetzt nicht von Jahren. Unstern endet ja auch damit, dass einer der Charaktere verletzt wird - ich möchte jetzt nicht spoilern für die, die es noch nicht gelesen haben -, und wenn wir jetzt im zweiten Teil einsteigen, dann hat sich dieser Charakter körperlich so weit erholt, wie er oder sie sich eben davon erholen wird. Das ist also ein paar Wochen oder Monate später höchstens.

Der Mondschieber ist natürlich auch wieder mit von der Partie und Ravid auch. Der Plot dreht sich aber um ein anderes Element. Generell ist es so, dass Kerra, und natürlich auch ihren Freunden, Sachen auf den Kopf fallen, die sie im ersten Teil verbockt haben. Das ist auch etwas, was sich so ein bisschen durch die Serie ziehen wird, eben wie wir vorhin besprochen haben, dadurch, dass sie Entscheidungen trefffen musste, die durchaus moralisch vielleicht nicht einwandrei sind. Das sind wirklich Sachen, die wieder kommen und sie in den Hintern beißen.

 

RR: Alles hat Konsequenzen.

 

KI: Genau, alles hat Konsequenzen. Das ist ein sehr schöner Satz und tatsächlich auch etwas, woran ich mich immer orientiere. Wenn ich einem Charakter in Kapitel 5 eine verpasse, weil ich schlecht drauf bin, dann kommt der aber sicher auch in Kapitel 10 und stellt mir ein Bein, in welcher Hinsicht auch immer.

 

RR: Das ergibt durchaus Sinn. Okay, das war schon mal eine sehr schöne und spannende Vorschau. Ich bin wie gesagt schon sehr gespannt darauf und werde das Buch auf jeden Fall lesen, genauso wie alle anderen Teile auch. Dann bleibt mir an dieser Stelle nur noch übrig, mich für dieses tolle Interview zu bedanken und dir auch weiterhin alles Gute beim Schreiben zu wünschen. Demnächst werde ich eine Rezension von Unstern, natürlich zusammen mit diesem Interview, auf meine Website stellen.

 

KI: Ich bedanke mich ganz herzlich für das nette Gespräch und bin schon sehr gespannt auf die Rezension von Unstern.